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Sieben Jahre Freiheit?

 

Am 11. September vor sieben Jahren war mein letzter Tag im Büro.

Rückblickend könnte man also sagen, dass ich jetzt sieben Jahre “Freiheit” hinter mir habe.

Was dich vielleicht überraschen wird: Obwohl ich keine einzige Stunde mehr fest angestellt gearbeitet habe, hat sich mein Gefühl von Freiheit erst viel später eingestellt.

Wie kann das sein?

 

Freigestellt

Technisch war es so, dass ich mit meinem ehemaligen Arbeitgeber einen Aufhebungsvertrag verhandelt hatte, der eine Freistellung von sechs Monaten enthielt. Dadurch ging erst einmal mein Gehalt weiter ein, und die freie Zeit fühlte sich eher so ähnlich an wie ein langer Urlaub. Zu diesem Zeitpunkt bin ich außerdem davon ausgegangen, dass ich zwar nicht nahtlos, aber doch recht schnell wieder in eine angestellte Tätigkeit einsteigen würde.

Gleichzeitig war die Freistellung eine Phase von ‘erst mal runterkommen’. Zu meiner eigenen Überraschung brauchte ich hierfür nicht zwei Wochen, sondern eher die vollen sechs Monate. Ich war von der jahrelangen Pendelei zwischen Hamburg und Köln wohl doch erschöpfter als ich gedacht hatte.

Von FIRE hatte ich damals noch nichts gehört. 

Unseren eigenen Vermögensaufbau habe ich nach der Jahrtausendwende angestoßen, um langfristig so viel “passives” Einkommen aufzubauen, dass wir uns ab 50+ idealerweise auch mit freiberuflichen Jobs hätten durchschlagen können. Der Ersatz teurer älterer Arbeitnehmer durch billige jüngere war in der Agenturbranche auch damals schon Usus.

Überhaupt keiner festen Berufstätigkeit mehr nachzugehen, war aber definitiv nicht mein Plan. Denn ich habe immer gerne gearbeitet, und es hat mir Spaß gemacht, gut zu verdienen. Mein Mann und ich hatten keine exorbitant hohen Gehälter. Aber dadurch, dass wir schnell zu Führungskräften aufstiegen und beide kontinuierlich voll gearbeitet haben – auch nach der Geburt unseres Sohns – konnten wir uns als Familie einen komfortablen Lebensstil leisten und trotzdem noch sparen und investieren.

 

Erstmal arbeitslos

Bevor ich meinem ehemaligen Arbeitgeber einen Aufhebungsvertrag vorschlug, hatte ich einen fetten Packen F***-You-Money aufgebaut, um uns finanziell für meine mögliche Arbeitslosigkeit abzusichern. Außerdem hatte ich dafür gesorgt, dass wir den vollen Betrag ansparen, mit dem wir unseren Sohn im Studium unterstützen wollten, bevor mein Vertrag auslief. Daher war ich bei meiner Arbeitslosmeldung guter Dinge, finanziell auszukommen, obwohl das Arbeitslosengeld nur halb so hoch war wie mein Nettogehalt davor (zum Thema Arbeitslosengeld und Early Retirement habe ich hier einen eigenen Post für dich geschrieben).

Tatsächlich kostet unser Leben seit dieser Zeit deutlich weniger, als ich angenommen hatte. Ohne, dass wir den Eindruck hätten, dass wir an Lebensqualität verlieren, im Gegenteil. Das war eine positive Überraschung. 

Negativ überrascht war ich davon, wie wenige Stellenangebote auf den einschlägigen Plattformen ich überhaupt interessant fand. Ich hätte meine Kenntnisse und Erfahrungen gerne in einer anderen Branche eingebracht, um im Gegenzug dort neue Impulse zu bekommen und mich weiterzuentwickeln. Hier ergab sich bei meiner proaktiven Suche aber nur eine spannende Möglichkeit – Quereinstiege für Berufserfahrene sind in Deutschland nach meinem Eindruck immer noch eher selten. Im weiteren Prozess schien der Fit doch nicht so gut wie gedacht, und ich entschied mich, abzusagen. 

Es gab auch einige meinen alten Jobs sehr ähnliche Stellen, für die ich aktiv angesprochen wurde. Ehrlicherweise hat mich von diesen Rollen keine mehr gereizt. Vermutlich hat die mangelnde Attraktivität auch damit zu tun gehabt, dass ein hohes Gehalt mir nicht mehr notwendig erschien, um ein gutes Leben zu führen; der “Schmerzensanteil”, den entsprechende Jobs nach meiner Erfahrung mit sich bringen, fühlte sich wahrscheinlich subjektiv zu hoch an. Zumindest war meine Motivation, möglichst schnell eine neue Arbeitsstelle zu finden und dafür auch Kompromisse zu akzeptieren, eindeutig höher, als ich zehn Jahre vorher in der Finanzkrise überraschend meinen Job verlor – und das Gefühl hatte, ein festes Gehalt zu brauchen.

Wie auch immer: Während des Jahres, in dem ich arbeitslos gemeldet war, kam subjektiv kein Gefühl von Freiheit auf. Denn durch den Bezug von Arbeitslosengeld fühlte ich mich verpflichtet, das Suchen einer neuen Arbeitsstelle als meinen aktuellen Job zu betrachten. Das war im wesentlichen ein Thema im Kopf: trotz Stellensuche, Bewerbungen und Gesprächen hatte ich natürlich viel mehr freie Zeit zur Verfügung als während der 20+ Jahre Vollzeitjob davor. Aber mein mentaler Fokus lag nicht auf der Freiheit, sondern auf der Verpflichtung.

 

Als Teilzeit Investor tätig? 

Im zweiten Jahr habe ich dann eine Zeitlang beim Aufbau eines kleinen Netzwerks von Unternehmensberatern mitgearbeit. Das hat Spaß gemacht, letztlich gingen die Vorstellungen der verschiedenen Charaktere aber doch zu weit auseinander. Und für mich hat sich noch einmal verfestigt, dass ich nicht mehr dauerhaft in meinen alten Tätigkeitsbereich zurück möchte; die immer selben Themen und Routinen sprachen mich einfach nicht mehr an. 

Während meiner Arbeitslosigkeit hatte ich angefangen, mich gezielt um den Um- und vor allem Ausbau unseres rudimentär vorhandenen Aktiendepots zu kümmern. Unsere allgemeine Finanzplanung und -verwaltung lag sowieso schon bei mir, genau wie die vertraglichen Dinge rund um unsere vermieteten Immobilien und alle Steuerangelegenheiten. Das lief während meiner Berufstätigkeit so mit, jetzt hatte ich Zeit, wirklich in Themen einzusteigen. Und ich fand eine ganze Menge Optimierungspotential.

Vom Umfang hätte ich dies als Teilzeittätigkeit einordnen und mich über meine sonstige Zeitfreiheit freuen können. Zumal wir durch meine Umschichtungen und Investitionentscheidungen relativ schnell ein zusätzliches Einkommen aus Dividenden und Ausschüttungen erzielten, während wir uns die Kosten für einen Finanzplaner und -verwalter sparten. Aber mein Kopf war immer noch darauf programmiert, dass dies ja keine “richtige Arbeit” ist. 

Für jemanden, der aus der FIRE-Perspektive hierauf schaut, wahrscheinlich crazy. Aber mir fehlte offenbar der direkte Bezug des Tauschs von Zeit gegen Geld, wie man ihn als Gehaltsempfänger gewohnt ist. 

Und so fehlte mir auf der anderen Seite auch das Gefühl dafür, wie frei mein Leben eigentlich schon war – oder ich mochte es mir nicht gönnen. Mein eigener Blickwinkel war, dass es sich hierbei nur um eine Zwischenstation handelt, bis ich wieder eine “echte” Arbeit gefunden habe. Inzwischen dachte ich zwar eher an eine selbstständige als an eine angestellte Tätigkeit, aber trotzdem…

 

Worauf habe ich eigentlich Lust? 

Zwei Jahren nach dem Ausstieg bei meinem letzten Arbeitgeber war klar, dass ich nicht einfach in der Marketing- und Werbebranche weitermachen wollte. 

Endlich fing ich an, neu darüber nachzudenken, was ich eigentlich gerne tun würde.

Das Thema “Finanzen” hat mich schon immer gereizt. Als studierte Betriebswirtin hatte ich nicht nur fundierte Kenntnisse im Umgang mit Finanzkennzahlen, sondern inzwischen auch langjährige Erfahrungen mit erfolgreichem persönlichen Finanzmanagement. Und bevor ich mich entschloss, Betriebswirtschaft zu studieren, war ich an der Uni für Jura und Amerikanistik eingeschrieben und habe damit geliebäugelt, in den Journalismus zu gehen. Ich hatte Spaß am Schreiben und daran, meine Erfahrungen und meine Sicht auf die Welt mit anderen zu teilen.

Zufällig stieß ich im Internet auf einige der Protagonisten der FIRE-Bewegung, die über ihren Weg in die finanzielle Unabhängigkeit bloggten. Und ich dachte mir, dass ein eigener Blog auch für mich ein spannendes Projekt sein könnte. Trotzdem brauchte ich noch einen gezielten Kick von einer Freundin, bis ich Financial Independence Rocks. tatsächlich auf die Bahn schob – sollte ich mich wirklich “nur zum Spaß” in das Aufsetzen eines Blogs reinhängen?

 

Arbeit und Selbstwert

Du merkst schon, in meinem Kopf spukte auch nach drei Jahren, in denen ich Einnahmen aus einer Berufstätigkeit für meinen Lebensunterhalt eigentlich nicht benötigte (rechnerisch waren “meine” Basiskosten job-unabhängig gedeckt), immer noch das “Sollen” herum. 

Zum einen hat das sicher mit gesellschaftlichen Prägungen zu tun: “normal” ist, bis zur Rente zu arbeiten, wenn man kann; darauf bauen auch unsere Sozialsysteme. Protagonisten der FIRE-Bewegung bzw. der Frugalisten-Szene wird regelmäßig vorgeworfen, dass sie als Bezieher von Einkommen aus Vermögen ihrer sozialen Verantwortung nicht gerecht werden. Sachlich halte ich diese Kritik in der Regel für falsch, denn das gesetzliche Kranken- und Rentenversicherungssystem in Deutschland wird inzwischen massiv mit Steuern querfinanziert, die auch über die Besteuerung von Kapitalerträgen und Erträgen aus Vermietung und Verpachtung erwirtschaftet werden. Außerdem haben zumindest Angestellte, die in die kapitalfinanzierte “Frührente” gehen können, in der Regel während ihrer Berufstätigkeit überproportional hohe Beiträge in die Sozialversicherungen eingezahlt, so dass ihre Gesamtleistung nicht niedriger sein muss, als die von langjährigeren Beitragszahlern.

Aber ich war und bin in meinem Selbstverständnis sicher auch dadurch beeinflusst, dass mein Mann und ich über zwanzig Jahre lang mit unseren Vollzeitjobs finanziell gleich viel zu unserem Familieneinkommen beigesteuert haben; unsere Gehälter lagen immer praktisch gleichauf, was ja eher ungewöhnlich ist.

Wie viel war mein Beitrag jetzt wert? Offenbar ein schwieriger Punkt für mich. 

 

Noch einmal an die Uni?

Umso gravierender, als mich ein Projekt reizte, über das ich in den drei Jahren davor immer wieder nachgedacht hatte: ein zweijähriges Master-Studium in Philosophie an der englischen Uni, an der ich Anfang der 2000er Jahre neben dem Beruf ein geisteswissenschaftliches Zweitstudium absolviert hatte. 

Aber das Studium war mit nicht ganz niedrigen Kosten verbunden. Und auch wenn sich das für dich vielleicht wirklich merkwürdig anhört: Ohne regelmäßiges Einkommen aus einem Job tat ich mich sehr schwer, mir diese Ausgabe zu genehmigen. Auch wenn ich mir den Master zum Beispiel aus der Abfindung, die ich bei meiner letzten Arbeitsstelle verhandelt hatte, locker hätte leisten können.

Schließlich habe ich aber die Kurve bekommen und mich eingeschrieben. Es war gar nicht so einfach, sich wieder in ein – von außen gesteuertes – regelmäßiges Programm einzufinden. Aber für mich haben sich die zwei Jahre Einsatz auf jeden Fall gelohnt. 

Im vergangenen Dezember habe ich den Master erfolgreich abgeschlossen. Das Philosophie-Studium hat mein Denken und Nachdenken bereichert. Und mir Anstöße für neue Themen und Fragen gegeben, mit denen ich mich auch in Zukunft gerne beschäftigen möchte. Wissenschaftliche Texte zu schreiben, hat mir noch einmal bestätigt, dass ich Freude daran habe, im Schreibprozess meine Gedanken für mich zu sortieren und so aufzubereiten, dass ich sie mit anderen teilen kann. Ich habe aber auch gelernt, dass es mich deutlich mehr reizt, komplexe Themen für ein breites Publikum konkret zugänglich zu machen, als in der akademischen Welt kleinstteilig und – nach meinem Eindruck – mit wenig Praxisbezug unterwegs zu sein. 

Also habe ich mit meinem Blog eigentlich schon die ideale Plattform geschaffen, von der aus ich mein Schreiben und meine Themen weiterentwickeln kann.

 

Wie will ich mich einbringen?

Reicht mir das? Will ich noch einer “normalen” Berufstätigkeit nachgehen? 

Kann ich aus meinen Interessen und Stärken eine “Arbeit” kreieren, die genau auf mich zugeschnitten ist – mit der ich aktiv Geld verdiene und dabei Spaß habe? Ist das zu egoistisch?

Wäre es im Sinne der Gemeinschaft “besser”, meine Kenntnisse produktiv im rechtlich-sozialen Bereich einzubringen, auch wenn die Regeln dort starr sind – ich habe nach dem Studium eine Weiterbildung gemacht, auf die ich hierbei aufsetzen könnte?

Sollte ich in Teilzeit “solide” selbständig arbeiten und meine “schöngeistigen” Interessen in der Freizeit verfolgen?

Oder gönne ich mir, “mein” Thema zu entwickeln? 

Kann ich damit gleichzeitig einen gesellschaftlichen Beitrag leisten?

 

Viele Fragen, zu denen ich auch nach sieben Jahren nicht alle Antworten habe.

Ich bin nicht sicher, wie ich meine Zukunft im Detail gestalten möchte.

Aber vielleicht muss das auch gar nicht sein.

Sieben Jahre nach meinem letzten Tag im Büro fühle ich mich frei, einfach einen Schritt nach vorn zu machen und mich darauf einzulassen, wie mir das Leben entgegenkommt.

 

Katrin / Financial Independence Rocks.

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4 Comments

  • Reply
    Daniel
    November 17, 2022 at 7:01 am

    Hallo Katrin,

    hat Spaß gemacht zu lesen. Gerne mehr davon!

    LG
    Daniel

    • Reply
      Financial Independence Rocks.
      November 17, 2022 at 10:21 am

      Lieber Daniel,

      danke für das positive Feed-back, freut mich sehr!

      🙂
      Katrin

  • Reply
    Christiane
    November 28, 2022 at 6:14 pm

    Danke für‘s teilen !
    Regt zum nachdenken an 🙂
    Liebe Grüße
    Christiane

    • Reply
      Financial Independence Rocks.
      November 29, 2022 at 11:57 am

      Danke für’s vorbei schauen und kommentieren, liebe Christiane!

      🙂
      Katrin

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