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Gesetzliche oder private Krankenversicherung?

Gesetzliche oder private Krankenversicherung

Heute möchte ich dir einige Basisinfos zum Thema gesetzliche oder private Krankenversicherung geben. Ich packe diesen Post in meine kleine Serie Personal Finance 1.0. Aber das Thema ist auch interessant, wenn du schon etwas weiter auf deinem beruflichen Weg bist. Denn die Entscheidung für das Krankenkassensystem hat Implikationen für alle, die sich ein Early Retirement vorstellen können. Und wenn du nicht einen besonders gut bezahlten Einsteigerjob erwischt hast, ergibt sich die Wahlmöglichkeit sowieso erst im Laufe deiner Berufstätigkeit, da der Zugang ins private Krankenversicherungssystem eher erschwert wurde.

Mein Mann und ich sind privat krankenversichert. Und wenn ich so gut informiert gewesen wäre, wie du es bist, wenn du diesen Post gelesen hast, hätten wir uns vielleicht anders entschieden 😉 .

 

Krankenversicherung in Deutschland

In Deutschland gibt es ein zweigeteiltes Krankenversicherungssystem: zum einen die gesetzlichen Krankenkassen (GKV), zum anderen die privaten (PKV). Beide Systeme bieten eine Krankenvollversicherung. Das heißt, anders als in Ländern mit einem staatlichen Gesundheitssystem wie zum Beispiel dem NHS in UK kannst du nicht nur private Zusatzversicherungen z.B. für Zahnersatz, sondern deine gesamte Krankenversicherung privat abschließen. 

Dafür gibt es allerdings eine Zugangshürde, und zwar die sogenannte Pflichtversicherungsgrenze. Das ist das Brutto-Jahreseinkommen, bis zu dem du dich als Angestellter gesetzlich versichern musst. In 2019 liegt diese Grenze bei 60.750 Euro. Bestimmte Berufsgruppen wie Beamte fallen im Normalfall unabhängig von der Pflichtgrenze automatisch in das private Krankenversicherungssystem (hier gibt es inzwischen auf Landesebene auch neue Ansätze, aber das sprengt den Rahmen dieses Posts).

Die Pflichtversicherungsgrenze ist nicht nur beim ersten Überschreiten relevant. Falls du arbeitslos wirst oder dein Gehalt bei einem Jobwechsel wieder unter die Pflichtversicherungsgrenze fällt, musst du dich grundsätzlich erst einmal wieder gesetzlich versichern. Du kannst dich aber im Fall der Arbeitslosigkeit von der gesetzlichen Versicherungspflicht befreien lassen bzw. hast die Möglichkeit, dir über eine sogenannte Anwartschaft (kostenpflichtig) die spätere Rückkehr in die private Krankenversicherung offen zu halten.

 

Hohes Absicherungsniveau

Gerade wenn man die Situation in Deutschland mit Ländern wie den USA vergleicht, ist das Vorhandensein einer gesetzlichen Krankenversicherung golden. Grundsätzlich hast du bis zum Alter von 55 Jahren einen Anspruch darauf, in die gesetzliche Krankenversicherung aufgenommen zu werden. Und zwar unabhängig davon, ob du irgendwelche Vorerkrankungen hast oder nicht. Und auch im europäischen Vergleich finde ich die “Standard-Gesundheitsversorgung” in Deutschland wirklich gut.

Die gesetzliche Krankenversicherung bietet eine beitragsfreie Mitversicherung der Kinder, und im Fall, dass nur ein Ehe- oder Lebenspartner ein Einkommen bezieht, die beitragsfreie Mitversicherung des Partners. 

 

Ist die private Krankenversicherung “besser”?

Das ist doch alles super, warum kommt dann überhaupt jemand auf die Idee, sich privat versichern zu wollen? Zum einen liegt dies am Leistungsangebot der privaten Krankenversicherer, zum anderen an der Höhe der Versicherungsbeiträge.

Grundsätzlich kann man sagen, dass die Leistungen in der privaten Krankenversicherung umfangreicher und individueller wählbar sind. Du kannst genau das abdecken, was auch die gesetzliche Versicherung leistet. Aber du kannst auch zusätzliche Bausteine wählen, zum Beispiel andere Zimmerkategorien bei einem Krankenhausaufenthalt oder die Behandlung durch den Chefarzt. Private Krankenkasse erstatten häufig auch Kosten für alternative Behandlungsmethoden, die von der gesetzlichen Krankenkasse nicht übernommen werden. Und es gibt in der Regel höhere Erstattungssätze zum Beispiel bei Zahnersatz oder Brillen.

 

Bevorzugte Behandlung als Privatpatient?

Nach unserer Erfahrung ist es tatsächlich so, dass du als Privatpatient schneller einen Termin bekommst. Es gibt auch Ärzte, die nur Privatpatienten behandeln. (Hintergrund hierzu ist, dass Ärzte für Privatpatienten höhere Honorare in Rechnung stellen dürfen, als sie für die Behandlung von gesetzlich versicherten Patienten bekommen).

Dazu noch mal ein Verständnispunkt: Du kannst auch als gesetzlich Versicherter Leistungen bei einem Arzt in Anspruch nehmen, die du dann privat bezahlst. Wenn das nur ab und zu und bei relativ kleine Beträgen der Fall ist, lohnt sich der Abschluss einer Zusatzversicherung hierfür wahrscheinlich nicht.

Es gibt aber auch Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung, die von privaten Krankenkassen gar nicht angeboten werden – wie in bestimmten Situationen eine Haushaltshilfe – oder die du gesondert abschließen musst, wie ein Krankengeld (heisst bei den privaten Kassen Krankentagegeld) oder die Kostenübernahme bei Kuren.

 

Unterschiedliche Kalkulation der Beiträge

Der zweite Punkt, den viele attraktiv finden, hängt mit der unterschiedlichen Kalkulation der Beiträge in der privaten und der gesetzlichen Krankenversicherung zusammen. Die gesetzliche Krankenversicherung bestimmt den Beitrag als einen prozentualen Wert vom Brutto-Einkommen. Dieser liegt aktuell bei 14,6%, und Arbeitgeber und Arbeitnehmer tragen jeweils die Hälfte

Dazu können noch Zusatzbeiträge der einzelnen Krankenkassen zwischen 1 und 2 Prozent kommen. Es gibt auch einen Deckel für den absoluten Beitrag, der bei einem Jahreseinkommen von 54.450 Euro greift. Das heißt, dass auf jeden Euro, der über diesen Betrag hinaus verdient wird, kein Beitrag zur Krankenversicherung erhoben wird. Der aktuelle maximale Monatsbeitrag für die gesetzliche Krankenversicherung liegt damit bei 662,48 Euro. (Dazu kommt noch der Beitrag für die Pflegeversicherung).

 

Günstige Beiträge in der PKV für Jüngere

Natürlich sind die tatsächlichen Kosten der Gesundheitsversorgung statistisch nicht umso höher, je mehr jemand verdient. Das spiegelt sich in der Beitragskalkulation der privaten Krankenversicherer wider. Dort werden die Beiträge entsprechend dem statistischen Risiko kalkuliert, so wie auch bei allen anderen Versicherungen. 

Und dadurch kann sich die Situation ergeben, dass gerade junge Gutverdiener in der privaten Krankenversicherung wesentlich niedrigere Beiträge zahlen müssen als in der gesetzlichen. Die Kehrseite hiervon ist, dass die Beiträge in höherem Alter deutlich steigen, und dann auch über denen der gesetzlichen Krankenversicherung liegen können. 

 

Rettungsschirm Basistarif

Dies hat in der Vergangenheit gerade für privat krankenversicherte Selbständige zu Problemen geführt. Daher ist seit 2009 gesetzlich geregelt, dass die privaten Krankenversicherer einen Basistarif anbieten müssen, der den gesetzlichen Krankenversicherungsleistung entspricht und den Höchstbetrag in der gesetzlichen Krankenversicherung nicht übersteigen darf. 

Das ist aus meiner Sicht aber wirklich nur eine Notlösung. Wenn du dich für den Eintritt in die private Krankenversicherung entscheidest, solltest du nicht davon ausgehen, so Kosten zu sparen.

Eine frühere “Taktik”, um hohen Beiträgen im Alter zu entkommen, war der Wechsel zurück ins gesetzliche System. Dafür gibt es inzwischen nur wenige Möglichkeiten, ab 55 Jahren ist ein Wechsel ausgeschlossen. Es macht also Sinn, eine Beitragsersparnis so zu investieren, dass man mit den Erlösen die späteren höheren Beiträge “bezuschussen” kann.

 

Zwei Klassen von gesetzlich versicherten Rentnern

Und dann gibt es noch einen ganz entscheidenden Punkt bei der gesetzlichen Krankenversicherung, wenn du über ein “early retirement” nachdenkst. Wir kannten diesen Punkt nicht, als wir uns für die private Krankenversicherung entschieden haben. Ich weiß aber auch nicht, ob wir ihn richtig gewürdigt hätten, da wir zum damaligen Zeitpunkt gar nicht auf die Idee gekommen sind, nicht bis zum normalen Rentenalter zu arbeiten.

Innerhalb der gesetzlichen Krankenversicherung gibt es zwei unterschiedliche Klassen von Rentnern, und zwar je nachdem, ob ein Rentner als gesetzlich pflichtversichert eingestuft ist oder nicht. Kurz zurück zum Anfang des Posts: normalerweise bist du pflichtversichert bis zur Pflichtversicherungsgrenze, verdienst du mehr, kannst du trotzdem in der gesetzlichen Krankenversicherung bleiben, zählst dann aber als freiwillig Versicherter. Als freiwillig Versicherter werden im Rentenalter zur Kalkulation der Beitragshöhe auch Einnahmen aus Mieten, Dividenden und so weiter herangezogen (bis zur Beitragsbemessungsgrenze). Bist du als Rentner pflichtversichert, wird der Beitrag nur auf deine Rente erhoben (Es gab hier unangenehme Ausnahmen bei der Einmal-Auszahlung von Lebensversicherungen, aber auch das sprengt den Rahmen dieses Posts).

 

Wichtig: Die 9/10-Regelung

So weit so gut, ich bin also vor diesem Hintergrund bis vor einigen Jahren davon ausgegangen, dass der Status in der gesetzlichen Rentenversicherung im Rentenalter der eines freiwillig Versicherten bleibt, wenn man in seinem Berufsleben nicht durchgängig pflichtversichert war. Und aus der Pflichtversicherung fällt man beim Erreichen der entsprechenden Grenze automatisch heraus, selbst wenn man in der gesetzlichen Krankenversicherung bleibt.

Das ist aber nicht korrekt, und hier kommt der Trick: Wenn du in der zweiten Hälfte deines Erwerbslebens mindestens 90 Prozent der Zeit gesetzlich krankenversichert warst (9/10-Regelung) – und zwar auch als freiwillig Versicherter – wirst du im Rentenalter als Pflichtversicherter eingestuft. Mit den oben beschriebenen positiven Konsequenzen. 

Warum ist das für Early Retirees so wichtig? Weil du als Early Retiree eher niedrige Rentenansprüche ansammelst – du arbeitest ja weniger lange – und gleichzeitig wahrscheinlich Einkommen aus Aktien oder Immobilien aufbaust, die bei gesetzlich pflichtversicherten Rentnern nicht zur Beitragsbemessung herangezogen werden. Also ein win-win, was die Beitragshöhe im Alter angeht.

 

Timing ist entscheidend

Wenn du wie wir in die private Krankenversicherung gewechselt bist, hast du nur ein relativ kleines Zeitfenster, um diesen Vorteil zu nutzen. Inzwischen gibt es zwar die Neuerung, dass bei der 9/10-Regelung für Versicherte mit Kindern pro Kind drei Jahre zusätzlich zu deinen Gunsten berücksichtigt werden müssen. Je nachdem, wann du das erste Mal eine Erwerbstätigkeit aufgenommen hast, wird’s wahrscheinlich ab Mitte 40 eng, zumal du ja nicht nach Belieben von der PKV in die GKV wechseln kannst. (Hier findest du eine detaillierte Erläuterung, welche Tätigkeiten zur Feststellung der “erstmalige Aufnahme der Erwerbstätigkeit” Anrechnung finden. Vielen Dank an meinen Leser, der mir den Link geschickt hat!).

Du kannst natürlich versuchen, dein Early Retirement so zu timen, dass du über eine Arbeitslosmeldung genau rechtzeitig wieder automatisch gesetzlich versicherungspflichtig wirst. Allerdings weiß ich nicht, ob noch irgendwelche zusätzlichen Kriterien zum tragen kommen, wenn du dann tatsächlich bis zur Beantragung deiner Rente gar nicht mehr erwerbstätig bist. Wenn diese Option für dich relevant wird, solltest du dir auf jeden Fall eine verbindliche Auskunft von einer Krankenkasse holen oder dich noch besser von einem auf Sozialversicherungsrecht spezialisierten Anwalt beraten lassen. 

Ich habe bei meiner Recherche nur Beispiele zur Anwendung der 9/10-Regelung gefunden, die vom Standard-Renteneintritt mit aktuell 67 Jahren ausgingen. Du kannst dich aber auch entscheiden, deine Rente erst später zu beantragen, zum Beispiel mit 70 Jahren. Das kann finanziell interessant sein, da schreib ich nochmal in einem eigenen Post zum Thema Rente was drüber. Falls der faktische Zeitpunkt des Rentenantrags zählt und nicht der theoretisch mögliche, gäbe auch das zusätzlichen Spielraum.

 

Für die Zukunft nicht zu knapp rechnen

Da ich über meine Eltern als Kind privat versichert war, fand ich es selbstverständlich mich auch Erwachsener wieder privat zu versichern, als dies möglich war. Wenn ich das ganze rein aus der Kostensicht betrachte, würde ich mit heutigem Wissen wahrscheinlich in der gesetzlichen Krankenversicherung bleiben und eine private Zusatzversicherung abschließen. Ob das genau das gleiche Leistungsspektrum absichern würde, weiß ich nicht, ich vermute nein. 

Auf der anderen Seite bin ich jemand, der auf der persönlichen Ebene eher weniger als mehr Staat mag. (Ich finde es aber trotzdem richtig, dass es in Deutschland eine gute staatliche Krankenversorgung gibt). Insofern fühle ich mich mit einer privaten Versicherung tatsächlich wohler. Das ist aber in gewisser Weise eine “Lifestyle-Entscheidung”, für die ich dann eben auch entsprechend zahlen muss. 

Und weil die zukünftigen Kosten nicht klar sind, machen ich mir hierzu ähnliche Gedanken wie die vorsichtigere Fraktion der FIRE-Community in den USA. Allerdings mit dem entscheidenden Vorteil, dass es in Deutschland auch in der privaten Krankenversicherung mit dem Basistarif (für unsere Generation alternativ auch noch dem Standardtarif) ein gewisses Sicherheitsnetz gibt. In jedem Fall – auch wenn du gesetzlich versichert bleibst – würde ich davon ausgehen, dass die Kosten im Gesundheitswesen schneller steigen als die allgemeine Inflation. Und das würde ich auch in Bezug auf meine persönliche Finanzplanung und Entnahme-Strategie berücksichtigen.

 

Wenn du noch Fragen hast, stell sie einfach in den Kommentaren oder sprich mich direkt an.

Financial Independence Rocks!

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