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Finanzielle Unabhängigkeit erreichen – meine 5 Erfolgsfaktoren

Fünf Erfolgsfaktoren finanzielle Unabhängigkeit

Ich habe die FI(RE)-Community erst entdeckt, nachdem ich meine letzte Festanstellung schon verlassen hatte. Aber auch wenn ich das Label nicht kannte, habe ich mich – zuerst aus  Sicherheitsdenken, dann um einen höheren Freiheitsgrad zu haben – auf den Weg zur finanziellen Unabhängigkeit begeben, so wie du vielleicht jetzt. 

Gerade am Anfang war ich überhaupt nicht strukturiert unterwegs. Aber im Rückblick kann ich deutlich erkennen, was die entscheidenden Faktoren für meinen Erfolg waren. Diese Learnings möchte ich heute mit dir teilen.

Ganz sicher ist mein Weg nicht der einzig richtige. Und wenn ich früher mit FIRE in Berührung gekommen wäre, hätte ich vielleicht auch einige grundsätzliche Entscheidungen anders getroffen. Ich finde es zum Beispiel eine faszinierende Idee, so früh einen Grad der finanziellen Unabhängigkeit erreicht zu haben, dass man schon in einer “work optional”-Phase ist, wenn man Kinder bekommt.

Aber man muss auch der Typ sein, der es sich traut, einen gut bezahlten Angestellten-Job freiwillig mit 30 oder 35 Jahren an den Nagel zu hängen. Das bin ich nicht, und mein Mann ist es noch weniger. Die Role Models der Community, die tatsächlich so früh ausgestiegen sind, haben auch deutlich früher angefangen zu arbeiten – definitiv ein Vorteil kürzerer Schul- und Studienzeiten – und waren teilweise älter als wir, als ihr erstes Kind geboren wurde. 

Wenn du die gleichen Voraussetzungen wie die FIRE-Heroes mitbringst, super. Mit meiner Geschichte möchte ich ein alternatives Modell anbieten, in das du auch noch einsteigen kannst, wenn du nicht schon mit 20 Jahren alle Weichen auf FIRE gestellt hast.

 

Learning #1: Nicht nur ans Sparen denken, sondern auch das Einkommen erhöhen

Man muss nicht lange drumherumreden: aus eigener Kraft die Endstufe der finanziellen Unabhängigkeit deutlich vor dem klassischen Rentenalter zu erreichen ist – wenn du nicht einen extrem reduzierten Lebensstil hast, nur mit einem überdurchschnittlichen Einkommen möglich. Wenn du in einem Job arbeitest, in dem du nicht so viel verdienst, will ich dir damit auf keinen Fall die Idee der finanziellen Unabhängigkeit madig machen. Ich möchte dir nur vorschlagen ganz genau zu überlegen, wie hoch deine Kosten für einen Lebensstil, mit dem du dauerhaft glücklich bist, realistisch sind, und in welchen Bereichen sie in der Zukunft wahrscheinlich überproportional steigen werden. 

Wenn du dann merkst, dass es länger dauert, FIRE zu erreichen, als du gehofft hast, ist es doch nicht schlimm: schon mit einem gut gefüllter Emergency Fund, oder 1 Jahr “Fuck-You-Money” bist du finanziell viel unabhängiger als alle, die von Gehalt zu Gehalt leben. Unser Ziel sollte doch sein, ein Leben zu leben, dass uns gefällt, auf jedem Stück der Strecke. Für mich ist finanzielle Unabhängigkeit ein Teil des guten Lebens, weil sie uns Optionen ermöglicht. Aber sie ist kein Selbstzweck. Und der “retire early”-Teil ist aus meiner Sicht nur eine Option. Lass dich davon also nicht mental unter Druck setzen.

Ich hatte das Glück, dass sich meine berufliche Karriere sehr schnell entwickelt hat – ohne dass ich dies geplant hätte. Das schlug sich dann auch in einem steigenden Gehalt nieder. Allerdings ist ein hohes Gehalt im Normalfall auch mit der entsprechenden Erwartungshaltung deines Arbeitgebers an Einsatz, Erreichbarkeit und Flexibilität verbunden. Da mir meine Jobs fast während meiner ganzen Berufstätigkeit großen Spaß gemacht haben, war das für mich kein Problem. Im Gegenteil, ich habe mich sehr lange sehr gerne engagiert, und hatte nicht das Gefühl, dadurch an Lebensqualität einzubüßen.

 

Wo Licht ist, ist auch Schatten

Das würde aber sicherlich nicht jeder so sehen. Ich habe zum Beispiel nach der Geburt unseres Sohnes keine Elternzeit genommen. Sondern Vollzeit in einem Führungsjob in der Werbebranche weiter gearbeitet, der natürlich nicht 9-to-5 war. Wenn ich mich stattdessen entschieden hätte, zwei Jahre auszusetzen, so wie viele andere es gemacht haben, hätte ich mit ziemlicher Sicherheit beim Wiedereinstieg Probleme gehabt, die gleiche Gehaltsentwicklung zu realisieren.

Es wäre wahrscheinlich auch nicht jedermanns Sache gewesen, einen Job 500 Kilometer vom Wohnort anzunehmen und nur am Wochenende zuhause zu sein. (Als mir meine Tätigkeit keinen Spaß mehr machte, hat mich die Pendelei natürlich auch zunehmend genervt). Ich sage das nicht, weil ich denke, dass du dich auch so entscheiden müsstest, oder weil ich es besonders toll finde, dass ich das gemacht habe. Mein Punkt ist der normalerweise gegebene  Zusammenhang zwischen einem hohen Gehalt und dem in der entsprechenden Position vorausgesetzten zeitlichen Engagement und der Übernahme von Ergebnisverantwortung. Ausnahmen bestätigen die Regel 🙂 .

 

Du kannst dein Einkommen auch anders steigern 

Wenn du kein Interesse daran hast, dich in deinem Job in Richtung Führungskraft weiter zu entwickeln, gibt es vielleicht auch die Möglichkeit einer Fachkarriere mit entsprechenden Gehaltssteigerungen. Oder du kannst einzelne Projekte übernehmen. Oder eine Zusatzqualifikation machen. Ein super-Beispiel für jemanden, der sich innerhalb ein und desselben Unternehmens stetig weiterentwickelt, und inzwischen die finanzielle Unabhängigkeit erreicht hat, ist Vincent von FreakyFinance

Du musst auch nicht unbedingt mit deiner normalen Berufstätigkeit ein überdurchschnittliches Einkommen erzielen. In Deutschland kann du nebenberuflich steuerfrei einen 450-Euro-Job machen. Oder mit eigenen Ideen nebenberuflich selbständig tätig sein, und damit deine Einnahmen erhöhen (auch dafür ist Vincent ein gutes Beispiel).  Wenn du das zusätzlich verdiente Geld zum Beispiel in einen kostengünstigen Welt-ETF investierst, baust du dir direkt eine dritte, und die erste “passive”, Einkommensquelle auf.

 

Learning #2:  Unter den eigenen Möglichkeiten leben

Ich hab jetzt ausführlich über die Einnahmenseite geschrieben, weil sie mir bei den Diskussionen in der FIRE-Community oft zu kurz kommt, besonders wenn es in die Ecke der Frugalisten geht. Da du um einen gewissen Kostensockel nicht dauerhaft herum kommen wirst, ist es mit einem höheren Einkommen immer einfacher, eine hohe Sparrate zu erreichen – die Basis der “Shockingly Simple Math”. Ein echter Turbo entsteht, wenn du es schaffst, deine Lebenshaltungskosten nicht in dem Maß mitwachsen zu lassen, wie dein Einkommen steigt.

Das war definitiv ein entscheidender Erfolgsfaktor auf meinem eigenen Weg zur finanziellen Unabhängigkeit. Denn wir haben absolut gesehen nicht besonders sparsam gelebt. Die Kehrseite des hohen zeitlichen Engagements in unseren Jobs waren ganz banale organisatorische Kosten für Kinderbetreuung und Hilfe im Haushalt. Aber auch Kosten für teure Familien-Urlaube und Restaurantbesuche.

Wir hätten sicher auch mit günstigeren Aktivitäten Spaß haben können – hatten wir ja auch mit unseren Do-it-yourself-Urlauben in Ungarn. Doch hier kam auch die Komponente “das gönnen wir uns jetzt als Ausgleich zum Job” ins Spiel. Unter dem Strich hat sich im Verhältnis Ausgaben zu Einkommen aber immer noch eine überdurchschnittliche Sparrate ergeben.

 

Learning #3: Sich trauen, anders zu sein, als die Gesellschaft es erwartet

Geholfen hat uns dabei auch, dass weder mein Mann noch ich Interesse an den klassischen Statussymbolen hatten, die in unserem beruflichen Umfeld üblich waren. Und auch kein Interesse an Shoppen als Freizeitbeschäftigung. Also keine teuren privaten Zweit- und Drittwagen, Uhren und Schmuck, nicht jedes Jahr ein neues Handy, und kein exzessives Kleidungs-Shopping (ich gestehe aber nicht unbedingt notwendige Schuhkäufe meinerseits, die ich auch unter “Kompensation” verbuche 😉 ). Diese Einstellung kann nicht jeder nachvollziehen. Und in bestimmten Gruppen ist man dann einfach nicht dabei.

Das gleiche gilt für’s Thema Wohnen: Obwohl ich damals den “Millionär von nebenan” noch nicht gelesen hatte, haben wir uns entschieden, in eine ganz normale Wohngegend zu ziehen, und nicht in eines der traditionell “schicken” Viertel wie viele Kollegen es gemacht haben. Und wir wohnen auch nicht in einem der Einzel- oder Doppelhäuser mit großem Garten, die es auch in unserem Viertel gibt, sondern in eine Hausscheibe mit einem Mini-Grundstück. Was allerdings für unsere gärtnerischen Ambitionen auch völlig ausreicht. Das hat sich natürlich im Kaufpreis des Hauses widergespiegelt. 

Kleiner Flashback zu meinem Punkt bezüglich der Prioritäten und dem guten Leben oben: innerhalb unseres Hauses waren wir nicht unbedingt sparsam. Wir sind eher minimalistisch eingerichtet, aber wir mögen schönes Design. Und es ist uns wichtig, dass wir uns in unserem Zuhause ästhetisch wohlfühlen. Aber da wir nur begrenzt viel Platz haben, sind die Kosten überschaubar geblieben. 

Trotzdem hat dies unseren Weg zur finanziellen Unabhängigkeit gegenüber einer komplett kostenoptimierten Variante verlängert. Ein reiner Fokus auf Kostenoptimierung wäre an dieser Stelle für uns aber ein nicht notwendiger Verzicht auf Lebensqualität gewesen. Also keine gute Idee. Für dich kann das natürlich ganz anders aussehen.

 

Learning #4: Von anderen lernen, aber sich nicht blind nach ihnen richten

Und damit komme ich schon zum nächsten Learning: Es ist schlau, von anderen zu lernen. Aber triff deine Entscheidungen auf Basis deiner eigenen Situation und Prioritäten. Ich mach das mal am Thema mieten versus kaufen fest. Ich werde hierzu noch einen separaten Post schreiben, weil mir die Debatte aufgrund meiner eigenen Erfahrungen oft zu einseitig erscheint. 

In der FIRE-Community sprechen sich viele vehement für’s Mieten aus, und raten vom Kauf einer selbstgenutzten Immobilie ab. Das ist oft auch richtig, gerade wenn jemand sich den Immobilienkauf “schön rechnet”, und zum Beispiel die Erwerbsneben- und Instandhaltungskosten unter den Tisch fallen lässt. Aber in unserem Fall hat die Entscheidung für den Kauf einer selbstgenutzten Immobilie die Idee, trotz eines späten Starts schon in unseren 50ern nicht mehr von einer festen Erwerbstätigkeit abhängig zu sein, überhaupt erst möglich gemacht. 

Wir haben unser Haus hoch finanziert und sehr schnell abgezahlt (nicht bedingungslos zum Nachahmen empfohlen, aber auch nicht so schräg wie es sich vielleicht im ersten Moment anhört, Details wie gesagt in einem separaten Post).  Daher entspricht unsere “Kaltmiete” seit über zehn Jahren dem monatlichen Betrag, den wir für Instandhaltung zurücklegen. Hierfür würden wir in unserer Stadt nicht einmal mehr ein WG-Zimmer mieten können.

Unser Haus liegt so, dass wir komplett auf ein Auto verzichten könnten und trotzdem nicht in unseren Möglichkeiten eingeschränkt wären, unseren Bedarf an Lebensmitteln günstig zu decken. Damit können wir an die drei großen Kostenposten Wohnen, Mobilität und Lebensmittel einen “Frugal-Win”-Haken machen, obwohl wir alle Annehmlichkeiten einer Stadt mit einer sehr hohen Lebensqualität genießen.

 

Learning #5: Verantwortung für die eigenen Finanzen übernehmen und sich konkrete Ziele setzen

Der letzte Erfolgsfaktor ist für mich, Verantwortung für die eigenen Finanzen zu übernehmen, und eine persönliche Finanzplanung zu erstellen. Ich bin als Berufseinsteiger komplett naiv an das Thema herangegangen. Und das obwohl mich Wirtschafts- und Finanzthemen schon immer interessiert haben. Aber ich war schon deutlich über dreißig, als ich endlich angefangen habe, mich systematisch mit unseren Finanzen zu beschäftigen. Seitdem bin ich sozusagen der CFO unserer Familie.

Uns sind im Laufe der Zeit genau die gleichen Fehler passiert wie vielen anderen: wir haben Kapitallebensversicherungen und private Rentenversicherungen abgeschlossen. Wir haben im Internet-Hype der Jahrtausendwende spekulative Einzelwerte gekauft – die “Intershop-Leiche” behalte ich als Mahnung in unserem Depot. Als Learning daraus haben wir dann zwar breiter diversifiziert investiert, aber leider über gemanagte Fonds. Auf ETFs sind wir erst seit ein paar Jahren umgestiegen. 

Unabhängig von den unvermeidlichen Fehlern hat es mir sehr geholfen, mir konkrete finanzielle Ziele zu setzen. Und das habe ich schon gemacht, als ich im Hinblick auf den Aufbau von “passiven” Einkommensströmen noch völlig unbedarft war. Wir haben für Sondertilgungen und auch noch ein paar andere Ziele gespart.

Und dabei bin ich eigentlich überhaupt nicht der Typ, der im privaten Bereich auf Ziele setzen steht. Tatsächlich diszipliniert so ein fester Ankerpunkt in der Zukunft aber enorm. Und jedes Zwischenziel, das wir erreicht haben, hat mich zusätzlich motiviert und mir geholfen, weiter auf dem Weg zu bleiben. 

Das ist jetzt eine ganze Menge zum Verdauen. Aber fang doch ausnahmsweise mal von hinten an: geh den ersten Schritt und bau dir auch einen Plan für deine finanzielle Unabhängigkeit. Ich feier’ dich für jeden Meilenstein, den du schaffst!

Financial Independence Rocks!

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