FI Lifestyle

Er ist nicht mehr da

Es fühlt sich merkwürdig an. Der Stellplatz, auf dem fast zwölf Jahre lang mein Auto stand, ist leer. Wenn du hier schon länger mitliest, weißt du ja, dass ich mich immer mal wieder gefragt habe, ob ich eigentlich noch ein Auto brauche. Ehrliche Antwort: nein.

So richtig durchringen, mein Auto zu verkaufen konnte ich mich aber trotzdem nicht. Geringe Kosten für Versicherung und Steuern gegenüber einem ebenfalls geringen Restwert sprachen nicht wirklich dafür. In den letzten zwei Jahren ist das kostentechnisch gut aufgegangen. Und eigentlich wollten wir im April noch einmal in eine TÜV-Abnahme investieren – inklusive Einbau eines neuen Auspuffs in einer Do-it-yourself Schrauberwerkstatt, den wir für vergangenen Samstag geplant hatten.

Aber es kam anders.

Mein Auto hatte in den letzten Jahren immer mal wieder Batterie- und Elektronikprobleme. Ein Außenstellplatz wie bei uns ist für ein Baujahr 1997 mit Stoffverdeck leider keine optimale Unterbringung. Und da ich so wenig mit dem Auto unterwegs war, mussten wir ab und an mit dem Überbrückungskabel nachhelfen, um den Wagen zu starten.

So auch vergangenen Donnerstag. Mein Mann wollte das Auto vor der Fahrt in die SB-Werkstatt batteriemäßig in Schwung bringen, und unternahm eine kleine Spritztour. Zuerst schien auch alles okay. Doch zurück zuhause öffneten sich plötzlich unaufgefordert der Verdeckabschluss und ein Seitenfenster – und ließen sich partout nicht wieder schließen.

Der Ladestand der Batterie war nach diversen Versuchen, Verdeck und Fenster wieder in eine geschlossene Position zu bringen, natürlich auch nicht mehr da, wo er sein sollte. Daher setzten wir auf ein Ladegerät, das mein Mann sowieso schon bestellt hatte, und das im Laufe des Tages geliefert werden sollte. Parallel machte mein Mann eine Werkstatt ausfindig, die am nächsten Morgen versuchen wollte, das Auto zumindest kurzfristig wieder “dicht” zu bekommen. Danach hätten wir an seiner Arbeitsstelle in die Tiefgarage zum Trocknen stellen können.

Wir wollten dann noch einmal überlegen, ob wir das mit neuem Auspuff und TÜV ausgestattete Auto doch verkaufen  – es fuhr an sich noch super – oder es eben tatsächlich wie geplant die nächsten zwei Jahre halten – für das gute Gefühl, dass ich es nutzen könnte, wenn ich wollte.

Das Ladegerät traf Donnerstag nachmittag wie angekündigt ein und funktionierte wie gedacht. Noch besser: Mit aufgeladener Batterie ließen sich Verdeck und Fenster wieder schließen. Also Termin in der Werkstatt wieder absagen, den Wagen am nächsten Morgen zum Trocknen in die Tiefgarage bringen, und dann weitersehen.

Das war unser Plan für Freitag.

Doch mein Auto hatte keine Lust mehr auf unsere Wiederbelebungsversuche.

Auf dem Weg zur Firma meines Mannes fiel die Cockpit-Elektronik aus. Parallel fuhr das Seitenfenster wieder ein Stück herunter – und ließ sich trotz geladener Batterie nicht wieder zum Hochfahren bewegen. Die Heizung pustetet gefühlte 25 bei angezeigten 16 Grad. Dauerorange Tankanzeige, dafür keine Info mehr zur gefahrenen Geschwindigkeit.

Das wäre nicht mehr in der SB-Werkstatt zu lösen gewesen. Und die Erfolgsquote der Fachwerkstätten war, was die Elektronikprobleme anging, in den Vorjahren eher durchwachsen, um es mal vorsichtig zu sagen. Also habe ich mich schweren Herzens entschieden, dass wir mein Auto noch am selben Tag zur Autoverwertung bringen. Klar, wir hätten auch versuchen können, einen Bastler zu finden, der uns noch etwas für den Wagen bezahlt. Aber mir war es wichtiger, das Thema ohne weitere Kosten und vor allem one weiteren Stress abzuschließen, als vielleicht noch eine Chance auf eine kleine Einnahme aus dem Verkauf zu haben.

Für mich war es das erste Mal, (m)ein Auto so endgültig abzugeben, obwohl ich nicht das erste Mal bei der Autoverwertung war. Vor mehr als 20 Jahren haben wir den Lancia Y meines Mannes über den gleichen Betrieb im Hamburger Umland* ausrangiert. Auf der Strecke Hamburg-Paris und retour hatte mein Mann aus seinem Auto regelmäßig alles herausgeholt was ging, wenn er mich in Frankreich besuchte. Und klein wie der Y war, hat er uns erstaunliche Dienste beim Material-Transport von den Baumärkten der Peripherie zu meinem Apartment im 3. Arrondissement geleistet – wer noch nie Rigips-Einmannplatten in einem Mikroauto chauffiert hat, der hat etwas verpasst. Solche Erinnerungen haben sich mit dem “Ding” Auto so stark verknüpft, dass der Abschied traurig war – auch für mich, obwohl mir das Auto nicht gehörte.

Diesmal gab’s gar nicht so viele sentimentale Verbindungen. Trotzdem fand ich’s traurig, mein Auto abzugeben. Zum einen, weil’s dann eben doch das Ende des Autos ist – eine andere Situation, als wenn zum Beispiel bei meinen Firmenwagen nach drei oder vier Jahren das Leasing auslief. Und zum anderen, weil ich eine Möglichkeit aufgegeben habe, die nicht kompensiert werden kann: die Möglichkeit genau jetzt einfach nach draußen zu gehen, mich in mein Auto zu setzen und dorthin zu fahren, wo ich hin möchte, ohne von irgend jemand anders abhängig zu sein.

Ist mir bei meinem aktuellen Lifestyle diese Möglichkeit die dazu gehörenden Kosten wert? Jetzt müsste ich mich ja neu dafür entscheiden?

Mein Auto war zwar verhältnismäßig günstig im Unterhalt, nicht aber bezogen auf die tatsächliche Nutzung. Mit dem Auto zu fahren, nur damit es beim nächsten Mal anspringt, ist schon irgendwie merkwürdig. Ohne echten Anlass hab ich’s dann auch regelmässiger vergessen als daran gedacht – mit dem zu erwartenden, wenn ich dann wirklich mal das Auto nehmen wollte. Obwohl, oder gerade weil selbst verschuldet, hat mich das dann echt genervt. Bei allen guten Vorsätzen eher unwahrscheinlich, dass es bei einem neuen Gebrauchten wirklich anders wäre, so lange die Umstände dieselben sind.

Ich glaube, dass ich erst wieder über ein eigenes Auto nachdenken werde, wenn sich eine echte Notwendigkeit ergibt. Und mich bis dahin daran erfreue, nicht nur eine Möglichkeit, sondern auch eine Verantwortung weniger zu haben. Kein schlechtes Gefühl.

Katrin / Financial Independence Rocks.

 

*Wen’s interessiert: Kiesow (kein Affiliate-Link), die finde ich gut, weil nicht alles verschrottet, sondern brauchbare Teile noch verwertet werden bzw. auch zum Selbstausbau zur Verfügung stehen.

 

 

 

 

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5 Comments

  • Reply
    Helen
    April 8, 2021 at 2:06 am

    Hi Katrin,

    Yeah, I know what you mean. Every time when I got rid of my old car, it was hard to see it go. I was emotionally attached to it, as it had accompanied me for many years. Last year, my husband got rid of his 1987 Toyoto pickup truck. I never drove it, as it was stick shift. It had been sitting in our placee for a long time, and I still missed it when seeing it being towed away.

    It’s nice at your city, you can live without a car. In central Ohio where I live, the public transportation is not dependable. Having a car is a must. Yes, it comes with the related costs for sure. You take care.

    • Reply
      Financial Independence Rocks.
      April 15, 2021 at 3:42 pm

      Hi Helen

      Thanks for stopping by again – I really appreciate your taking the time to run a translation of my posts :-). Take care!

  • Reply
    Tino
    May 7, 2021 at 11:08 am

    Hallo Katrin,
    ich lese Deine Beiträge schon seit längerer Zeit und möchte mich hiermit herzlich dafür bedanken.
    Ich selbst habe mich nach inzwischen 18 Jahren ohne eigenes Auto nun beim Car-Sharing angemeldet (bei Greenwheels). Der Vorteil zum sonst ab und zu von mir genutzten Mietwagen: die Autos stehen hier ganz in der Nähe auf reservierten Parkplätzen und sind zumindest auf kürzeren Strecken deutlich preiswerter (10€ im Monat, 2€ pro Nutzungs-Stunde, 27ct pro km, incl. Benzin [VW up]). Diese Autos bieten mir die Option, sie jederzeit nutzen zu können, was ich am Ende aber doch meistens nicht mache, weil ich die Preise mit den Öffis vergleiche und dann doch wieder zu sparsam bin. Wenn man bereit ist, pro Stunde 2,5€ und pro km 30ct zu bezahlen, kann man sogar noch die Monatsgebühr sparen. Bei Bedarf stehen auch noch größere Autos zur Verfügung.
    Ich persönlich will mich nicht mehr um ein eigenes Auto kümmern müssen und ich denke, die Carsharing-Option ist für mich optimal. Für Dich ja vielleicht auch…
    Gruß, Tino

    • Reply
      Financial Independence Rocks.
      May 9, 2021 at 12:03 pm

      Hallo Tino,

      vielen Dank, dass Du meine Texte liest und Dir die Zeit für’s Kommentieren genommen hast. Car-Sharing finde ich sehr gut, ich muss tatsächlich mal checken, ob sich inzwischen bei den Anbietern in Hamburg etwas getan hat. Schau ich doch gleich mal…:-).

      Katrin

    • Reply
      Financial Independence Rocks.
      May 9, 2021 at 2:45 pm

      P.S. Ich bin beeindruckt: es gibt tatsächlich einen Greenwheels-Standort in meinem Viertel, sehr cool, danke nochmal für Deinen Tip!

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