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Du hast deine Karriere aufgegeben? Das ist nicht dein Ernst – langweilst du dich nicht zu Tode?

Du hast deine Karriere aufgegeben? Das ist nicht dein Ernst - langweilst du dich nicht zu Tode?

Eine Thema wird dir immer wieder begegnen, wenn du Blogs von Leuten liest, die ihren angestellten Job vor dem traditionellen Rentenalter aufgegeben haben.

So ziemlich alle haben Kommentare bekommen wie “Ich könnte das nicht, ich brauche die Struktur”, “Ich würde mich langweilen – was willst du mit all der freien Zeit anfangen?” oder “Ich würde mein Team und meine Kollegen vermissen”, wenn sie anderen von ihrem Plan erzählt haben.

Und es stimmt: Arbeit gibt deinem Leben Struktur. Du musst zu einer bestimmten Zeit aufstehen, eine bestimmte Menge an Stunden arbeiten, danach gehst du nach Hause – eigentlich kannst du ein Leben auf Autopilot führen. Und natürlich hast du bei der Arbeit auch soziale Kontakte, die sind für uns alle wichtig.

Vielleicht hast du dir über diese Frage auch schon Gedanken gemacht? Aus meiner Sicht musst du dir keine Sorgen machen, wenn du ein paar Dinge beachtest. Schau dir einfach mal an, wie sich mein Tagesablauf nach meinem „Early Retirement“ entwickelt hat. Dann siehst du, was ich meine.

 

Nicht vor dem Job weglaufen

Ein Ratschlag, den ich oft gelesen habe, ist, „Retire to something, not from something“. Die Idee dahinter ist, dass du nicht komplett aufhören solltest zu arbeiten, nur weil du genug von deinem aktuellen Job, deinem Chef oder deiner Firma hast. Du solltest schon wissen, was du mit deiner Freiheit anfangen möchtest, z.B. welche Interessen du in Zukunft verfolgen willst. Insgesamt halte ich das für einen guten Rat.

Manchmal schleicht sich hier die Idee der “Berufung” oder „Bestimmung“ ein. Wenn du nicht mehr arbeitest, musst du eine neue Berufung finden, richtig? Aber das würde ja implizieren, dass (d)ein Job (d)eine Berufung ist oder dass du dir überhaupt sicher sein musst, eine eindeutige Berufung zu haben. Das kann man nur ganz individuell beurteilen.

Vielleicht bist du auch unsicher, zu was du dich „berufen“ fühlst. Das ging mir auch so, und ich denke, das ist ganz normal und in Ordnung. Wenn es ein bestimmtes Thema gibt, für das du dich engagieren willst, um so besser. Aber es ist nicht unbedingt notwendig. Solange du verschiedene Interessen hast, die du mit mehr freier Zeit verfolgen willst, sollte es gut laufen. Meine Erfahrung ist, dass sich die Dinge dann von selber weiter entwickeln.

 

Folge deinen Interessen

Ich hab mich immer gerne mit wirtschaftlichen Themen beschäftigt und tue das auch heute noch. Aber gleichzeitig ist ein Interesse an den Geisteswissenschaften auch ein wesentlicher Bestandteil meiner Persönlichkeit. In den letzten Jahren, bevor ich aufgehört habe angestellt zu arbeiten, hatte ich wirklich das Gefühl, dass dieser Teil von mir komplett verkümmert.

Am Ende eines Arbeitstages hatte ich meistens nur noch so wenig Energie übrig, dass ich gerade mal ein paar Seiten lesen konnte und dann eingeschlafen bin. Oder, eigentlich noch schlimmer, ich hab ein paar Seiten gelesen und dann gemerkt, dass ich von dem Gelesenen gar nichts behalten habe. Ich konnte mich nicht konzentrieren, weil ich in Gedanken immer noch bei meinem Job war.

Als ich “frei” war, habe ich mir mit als erstes zwei Bücher von Thomas Mann gekauft, die ich schon immer lesen wollte: “Der Zauberberg” und “Die Buddenbrooks”. Sie sind beide ziemlich lang und im “Zauberberg” gibt es einige intellektuell durchaus herausfordernde Konzepte. Es war super, endlich einmal wieder so viel am Stück lesen zu können. Und es dann tatsächlich auch getan zu haben, hat mir ein richtiges Erfolgsgefühl vermittelt.

 

Lerne etwas Neues

Das ist vielleicht nicht für jeden so, aber ich habe gemerkt, dass Erfolgserlebnisse für mich wichtig geblieben sind. Aber sie müssen nichts mehr mit dem Beruf oder einer Karriere zu tun haben. Das hat mich selber und auch mein persönliches Umfeld ziemlich überrascht. Ich kann mich noch gut daran erinnern wie mir eine langjähriger Freundin ehrlich erstaunt sagte: “Ich hätte nie gedacht, dass du ohne einen Power-Job so glücklich wärst.”

Auch das ist sicher für jeden unterschiedlich, aber für mich ist es total befriedigend, wenn ich neue Dinge lerne und eigene Projekte machen kann. Ich habe angefangen, Italienisch zu lernen, und übe in der Woche jeden Tag. Wenn du auch eine neue Sprache lernen möchtest – ich bin ein großer Fan von duolingo , das ist auch das Programm, das ich nutze (kein Affiliate-Link).

Wie gesagt habe ich auch ein großes Interesse an den Geisteswissenschaften. Seit meinem „Early Retirement“ habe ich verschiedenste Bücher, Websites und Kurse in Geschichte, Kunstgeschichte und Philosophie verschlungen. Es gibt viele Online-Angebote, die du kostenlos nutzen kannst. Im Moment schaue ich mir Kurse in Philosophie und Geschichte auf der Website der Yale University an.

Es macht mir Riesenspaß, mein Wissen zu erweitern, und es sorgt gleichzeitig für Erfolgserlebnisse. Vielleicht ist das auch etwas für dich, wenn du ein ähnlicher Persönlichkeitstyp bist.

 

Starte d(ein) Projekt

Eigene Projekte zu starten und weiter zu verfolgen kann sehr befriedigend sein. Und hier kommt wahrscheinlich die Idee der „Berufung“ oder „Bestimmung“ wieder ins Spiel. Oder einfach Leidenschaft für ein bestimmtes Thema.

Ich habe angefangen, diesen Blog zu schreiben. Ich habe schon immer gerne geschrieben und sogar ein Praxissemester bei einer Tageszeitung gemacht. Aber am Ende habe ich mich gegen den Journalismus als Beruf entschieden. Zum Teil lag das an meiner Befürchtung, dass im schnelllebigen Verlagsumfeld – auch nicht unbedingt immer so unabhängig, wie es sein sollte – aus Leidenschaft schnell Routine werden könnte.

Heute kann ich genau so schreiben wie ich will. Und über Themen, die mir wichtig sind. Andere zu motivieren, sich finanziell unabhängiger zu machen, ist ein „Passion Project“ für mich. Und zu bloggen ist eine super Möglichkeit, Kontakte zu Gleichgesinnten zu knüpfen.

Im realen Leben engagiere ich mich jetzt in unserer Stadt. Ein Freund und ich haben gemeinsam ein Netzwerk ins Leben gerufen, das sich für eine stärkere Einbindung der Bürger beim Denkmalschutz und der zukünftigen Stadtplanung einsetzt. Und ich war positiv überrascht: ja man kann tatsächlich etwas bewirken. Du musst nur den ersten Schritt machen.

 

Ein typischer Tag im Leben eines „Early Retirees“

Wie sieht ein typischer Wochentag für mich aus? Normalerweise stehe ich zwischen 7:30 und 8:00 Uhr auf. Kein Wecker, das ist so cool! Dann gehe ich mit unserem Hund spazieren. Wenn ich nach Hause komme, mache ich mir einen Cappuccino und etwas zum Frühstück.

Mir ist aufgefallen, dass die Zeit sehr leicht einfach so verfliegt, wenn ich sie mir nicht einteile. Aus diesem Grund habe ich mir jetzt von 9:00 Uhr bis 13:00 Uhr ein festes Zeitfenster für die Arbeit am Blog gesetzt. Das bedeutet Ideen für Posts zu entwickeln, zu recherchieren, Entwürfe zu schreiben, die Entwürfe zu überarbeiten, zu optimieren, zu übersetzen und schließlich zu posten. Es beinhaltet auch die technische Seite, wo ich noch ein kompletter Neuling bin. Auch diese Dinge neu zu lernen, macht mir total viel Spaß.

Am Nachmittag erledige ich notwendige Haushalts- und Gartenarbeiten (sehr limitiert, wir haben nur einen winzigen Garten), gehe einkaufen und mache noch einen Spaziergang mit unserem Hund. Dies ist auch der Teil des Tages, an dem ich neue Bücher lese, Italienisch übe, mir online-Kurse anschaue und mich um alles kümmere, was mit unseren Finanzen zu tun hat.

Ich finde es super, Zeit zu haben, um frisch für uns zu kochen. Meistens fange ich zwischen sechs und halb sieben an, unser Abendessen vorzubereiten. Mein Mann ist normalerweise zwischen sieben und halb acht zu Hause. Unsere Abende zuhause unterscheiden sich dann eigentlich nicht von den Abenden, als ich noch gearbeitet habe.

An manchen Tagen nimmt mein Mann unseren Hund mit in sein Büro, wenn ich mich in der Stadt zum Mittagessen verabredet habe, eine Ausstellung anschauen möchte, oder ich etwas im Zusammenhang mit unserer Lobbyarbeit zu tun habe.

 

Alles Friede, Freude, Eierkuchen, oder?

Natürlich ist mein „Early Retirement“-Leben auch nicht immer nur Friede, Freude, Eierkuchen. Es gibt Tage, an denen nichts so läuft wie geplant. Und manchmal bin ich schlecht gelaunt, genau so wie alle anderen auch.

Es gibt etwas, das sich nicht so ergeben hat wie ursprünglich gedacht: Bevor ich aufgehört habe zu arbeiten, hatte ich geplant tagsüber regelmäßig Zeit mit zwei meiner Freundinnen zu verbringen. Die beiden waren damals nur sehr eingeschränkt berufstätig. Aus verschiedenen Gründen arbeiten beide inzwischen aber wieder deutlich mehr.

Und jetzt haben sie keine Zeit mehr für spontane Treffen. Klar wäre es schön, wenn es anders wäre. Mich stört es allerdings auch nicht, tagsüber alleine zu sein. Du solltest dir bewusst sein, dass praktisch alle anderen noch arbeiten, wenn du dich entschließt, ungewöhnlich früh aus einem geregelten Berufsleben auszusteigen.

Es ist dir wichtig, dich regelmäßig tagsüber mit anderen zu treffen? Dann schau, ob es Gruppen in deinem Ort gibt, in denen du neue Leute treffen kannst, die deine Interessen teilen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es auch bei dir Sport-, kirchliche oder andere soziale Aktivitäten geben wird, die morgens oder nachmittags stattfinden – zumindest wenn du in einer städtischen Umgebung lebst.

 

Schaff dir den Lebensstil, den DU magst

Ich liebe meinen entspannten Early-Retirement-Lifestyle. Nicht besonders glamourös? Stimmt.

Für mich ist es im Moment der beste Lebensstil, den ich mir vorstellen kann.

Financial Independence Rocks!

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