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Das Leben nach FIRE – doch nicht alles so super?

Endlich FIRE - etwa doch nicht so alles super?

Ich hab ja auf diesem Blog schon eine ganze Menge darüber geschrieben, wie man die finanzielle Unabhängigkeit erreichen kann. Und auch eine erste Bestandsaufnahme, wie mir das FIRE-Leben gefällt, nachdem ich meinen Job aufgegeben habe. 

Daran hat sich auch nicht viel geändert. Aber mich beschäftigt seit ein paar Wochen ein “Störgefühl”, das ich nicht erwartet habe. Und da ich auf diesem Blog dafür werbe, sich finanziell unabhängig zu machen, gibt’s hier auch die ganze Wahrheit. Auch wenn das mal das eine oder andere Wölkchen bedeutet statt Dauer-Sonnenschein… 

Eine Bemerkung vorab:

Es kann sein, dass mein “Störgefühl” für dich überhaupt kein Thema wäre. Aber ich kenne auch andere Early Retirees, denen es ähnlich geht wie mir. Besonders anfällig sind wahrscheinlich Personen, die aus Jobs mit einem hohen Leistungsanspruch kommen und deren persönliches Umfeld ähnlich tickt. 

Und ja, ich weiss, dass ich aus einer sehr privilegierten Position schreibe. Jeder, der es schafft FIRE zu erreichen, ist in einer sehr privilegierten Position. Aber auch im Leben von privilegierten Menschen ist nicht immer alles supi-dupi. Und dann hilft es zu wissen, dass du nicht allein bist. Deshalb teile ich meine Gedanken hier.

 

Mir fehlt etwas

Was ist passiert? Nichts schlimmes. Ich bin davon überrascht worden, dass es mir fehlt, für meine Arbeit bezahlt zu werden. Das scheint ein Selbstbestätigung zu sein, die ich nicht mit Erfolgen auf anderen Gebieten kompensieren kann. 

Wenn du schon ein paar Posts auf diesem Blog gelesen hast, macht diese Aussage für dich vielleicht im ersten Moment gar keinen Sinn. Denn ich gebe mich ja nicht einem endlosen Müßiggang hin, sondern kümmere mich unter anderem um das Managen unserer Assets. Und damit ist natürlich Arbeit verbunden. Ich mache die Sondereigentums-Verwaltung unsere Mietwohnungen, entscheide über unsere Investitionen in ETFs und Einzelaktien, optimiere unsere Ausgaben und unseren Cash-Flow. 

Dem stehen auch Einnahmen gegenüber. Die hätten wir ohne meine Tätigkeit nicht. Dann werde ich doch für meine Arbeit bezahlt? Und war der Sinn des Aufbaus von passiven Einkommensströmen nicht genau der, für den Lebensunterhalt NICHT mehr von der direkten Vergütung der eigenen Arbeitsleistung abhängig zu sein?.

 

Retire to something

Hat es mit dem Thema “retire-to-something, not from something” zu tun? Ich denke, nicht. Ich hätte nie Angst, mich zu langweilen oder nichts neues mehr dazu zu lernen, dafür habe ich zu viele Interessen. Und ich würde mal tippen, dass es dem Großteil der FIRE-Interessierten so geht. Sonst würde man wahrscheinlich gar nicht in dieser Community landen. 

Mein Störgefühl kommt auch nicht daher, dass mir der Sinn fehlt. Ich freue mich, dass ich Wissen und Inspiration auf diesem Blog teilen kann, und engagiere mich in weiteren Projekten. Das ist deutlich Sinn stiftender als alles, was ich in der Media- und Marketingbranche jemals gemacht habe.

 

Es geht nicht um’s Geld an sich

Und ich bin sicher, dass es nicht um’s Geld an sich geht. Ja, klar, natürlich könnten wir teurere Urlaube machen, schicker essen gehen und uns mehr kaufen, wenn ich in einer festen Beschäftigung wieder so viel Geld verdienen würde wie früher. Aber das reizt mich überhaupt nicht.. 

Als Perfektions-Junkie kann ich mich zwar immer noch für das “beste” Produkt begeistern. Und für Menschen, die diese Perfektion in ihrem jeweiligen Bereich anstreben. Ich bin auch bereit, dafür einen höheren Preis zu zahlen. Zur Qualität eines wirklich guten Produkts gehört für mich aber Langlebigkeit. Es muss also nicht dauernd ersetzt werden. Daher können wir uns solche Produkte auch mit unseren aktuellen Einnahmen leisten. Inzwischen fühle ich mich generell mit weniger Dingen wohler

Die Qualität von Erlebnissen korreliert sowieso nicht mit ihrem Preis. So dürften Fernreisen, in denen man dem “echten” lokalen Leben nahekommt, statt im Luxushotel oder Resort abzusteigen, die spannenderen sein. Ich bin generell eher Fan davon, für eine längere Zeit in einem fremden Land zu leben, als der einmal-pro-Jahr-zwei-Wochen-Fernreise-Typ. 

 

Der Kick des Gewinnens

Also was ist es dann, wieso dieses Störgefühl? 

Ich glaube, es kommen zwei Dinge zusammen. Zum einen fehlt mir ein kompetitives Element, das sich in wirtschaftlichem Erfolg ausdrückt. Ich habe lange auf Agenturseite gearbeitet, und war dort verantwortlich in viele Neugeschäfts-Pitches involviert. Dabei ist der Zusammenhang zwischen der eigenen Leistung und dem wirtschaftlichem Erfolg sehr direkt. 

Genau so war es in der Verkaufsausbildung, die ich nach dem Abitur im Einzelhandel gemacht habe. Während meines Studiums habe ich nebenbei im aktiven Telefonmarketing gejobbt, wo Abschlüsse entscheidend sind. Ich bin zwar überhaupt kein typischer, extrovertierter Verkäufer – wenn jemand die Myers-Briggs-Typen kennt: ich bin ein INTJ – aber ganz offensichtlich über die “sportliche” Herausforderung des Verkaufens motiviert.

Manchmal gibt es diese Art von Erfolgserlebnissen auch in meinem Early Retiree-Leben. Zum Beispiel, wenn ich einen neuen Mietvertrag für unsere Wohnung, die wir auf Zeit vermieten, abschließen konnte. Oder wenn Ausschüttungen auf unserem Konto eingehen, die wir erst seit meiner Umstellung unseres Portfolios erzielen. Aber der Witz an “passivem” Einkommen ist ja nun mal, dass es weitgehend keinen direkten Zusammenhang zwischen “jetzt tun” und “gleich einnehmen” gibt. 

 

Gesellschaftliche Wertschätzung

Ich befürchte, dass der gravierendere Grund für mein “Störgefühl” ein anderer ist: die starke Prägung in einer Gesellschaft, die Wertschätzung der persönlichen Leistung durch den Status und die Vergütung der entsprechenden Tätigkeit ausdrückt. 

Meinen früheren Status vermisse ich überhaupt nicht. Und traditionelle Statussymbole haben mich noch nie interessiert. Was auf dem Weg zur finanziellen Unabhängigkeit sehr hilfreich war 😉 .

Umso mehr hat es mich überrascht, dass mir als Early Retiree wohl trotzdem unterbewusst die gesellschaftliche Wertschätzung fehlt, die ein Gehalt ausdrückt. Wer als Hausfrau/-mann und/oder Erzieher/in der eigenen Kinder arbeitet, wird jetzt wahrscheinlich sagen: schön, dass es auch mal jemand anders merkt.

Mir war diese gesellschaftliche Problematik durchaus bewusst. Ich hätte nur nicht erwartet, dass sie für mich emotional relevant wird. Faktisch habe ich trotz eines kürzeren Berufslebens für meine Leistung nicht weniger verdient als ein Durchschnitts-Berufstätiger bis zum Renteneintritt verdienen würde. Aber dieser “Überschuss” an Gehalt gewordener Anerkennung lässt sich offenbar nicht speichern. 

 

Und nun?

Was mache ich jetzt daraus? Das weiß ich ehrlich gesagt noch nicht. 

Mich hat nach langer Zeit neulich mal wieder ein Headhunter angerufen. Er wollte mich für einen Geschäftsführungs-Job bei einer Agentur gewinnen. Da ich ja nun mein Störgefühl hatte, habe ich darüber auch ernsthaft nachgedacht. Und dann abgesagt, und damit vielleicht die letzte Brücke in mein altes Leben abgebrochen. 

Mir war beim Nachdenken deutlich geworden, dass mich eine wie auch immer vergütete Tätigkeit in einen neuen Bereich führen müsste. Vielleicht entwickeln sich Dinge aus meinem Schreiben. Oder aus einem ehrenamtlichen Engagement, das ich gerade anfange. 

Vielleicht bin ich aber auch noch gar nicht am Ende des Gedankens angekommen: wenn ein Gehalt nur Stellvertreter für Anerkennung und Wertschätzung ist, sind auch andere Wege möglich. Ich möchte einen Unterschied machen und persönlich etwas bewirken. Wenn ich das schaffe, muss meine Leistung nicht monetär bewertet werden. Und dann verschwindet vielleicht auch mein Störgefühl.

Financial Independence Rocks!

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