Deutsch The Good Life

Das Glas ist halb voll (Muttertags-Edition)

Glas halb voll

Heute habe ich mal wieder ein paar Gedanken aus der Kategorie “The Good Life” für dich. 

Auch wenn ich nicht mehr in meinem alten Job arbeite, schaue ich immer noch regelmäßig auf die Fach-Websites für die Medien- und Werbebranche. Dort ist mir neulich ein Kommentar aufgefallen, den ich interessant fand. Aber dann blieb doch ein Störgefühl zurück, das mich zu diesem Post inspiriert hat. 

 

Worum ging es? kress.de veröffentlich regelmäßig die Hitliste der “Kress Köpfe”. Diese Liste basiert auf der Verknüpfung von Meldungen mit der “Kress Köpfe”-Datenbank. Anfang April lief die Liste unter dem Label “Diese 10 Köpfe sind in der Corona-Krise gefragt”. Und enthielt nur Männer. Das nahm die Chefredakteurin von Edition F, Mareice Kaiser, zum Anlass für den Kommentar “Warum Frauen gerade nicht gefragt sind”, der dann auch als Gastbeitrag auf kress.de veröffentlicht wurde.

Der Kommentar ist gut geschrieben. Die aufgezeigten Schräglagen sind real. Und für mich war sogar neues dabei – hättest du gewusst, dass Atemschutzmasken besser auf Männer- als auf Frauengesichter passen? Ja, es stimmt, Frauen machen immer noch häufig schlechter bezahlte Jobs, gehen in Teilzeit oder ganz aus dem Beruf heraus, um sich um ihre Familie zu kümmern. 

Dementsprechend gibt es in Deutschland immer noch unterdurchschnittlich viele Frauen in exponierten Positionen in Politik und Wirtschaft. Dazu passt ganz aktuell auch die Vorstandsentscheidung bei SAP – ist Christian Klein wirklich der bessere Solo-Vorstandschef, hat er seine Connects taktisch geschickter genutzt, oder ist SAP von der Corona-Krise so gebeutelt, dass heute schnellstmöglich raus muss, was gestern noch als Spitzenbesetzung gepriesen wurde

 

Trotzdem blieb für mich nach dem Lesen von Mareice Kaisers eingängigem Text das besagte Störgefühl. Warum? Lass uns ein kleines Gedankenexperiment machen.

 

Stell dir vor, wir zoomen uns in ein Theater. Das Stück, das gespielt wird, heißt “Frauen”. 

Der Vorhang geht hoch.

Akt I.

Auf der Bühne sehen wir fünf Frauen, die zusammen in einem Raum sitzen. Ein paar Landschaftsbilder und Bücherregale erinnern an einen kleinen Salon. Vielleicht ein zufälliges Zusammentreffen in einem altmodischen Hotel. 

Die Frauen vertreiben sich offenbar die Zeit damit, einander aus ihrem Leben zu erzählen.

Hören wir kurz rein:

Frau 1: “… Ich wäre gerne Ärztin geworden, aber ich durfte nicht studieren. Meine Brüder schon …Stattdessen habe ich eine Ausbildung als Krankenschwester gemacht….Und nach der Heirat habe ich meinen Beruf dann komplett aufgegeben…”

Frau 2: “…Meine Familie hatte wenig Verständnis für meine Ambitionen… Wir hatten einen Friseursalon und deshalb habe ich Friseurin gelernt….Ich habe früh geheiratet und ein Kind bekommen…dann haben wir uns getrennt und mein Mann hat jetzt eine neue Familie…”

Frau 3: ”…Ich habe im Krieg meinen Vater und mein Zuhause verloren…als ich 10 Jahre alt war, musste ich mit meiner Mutter und meiner Schwester fliehen…andere Menschen in unserem Dorf sind verhungert…”

Frau 4: “…Meine Ausbildung als Speditionskauffrau habe ich nicht zuende gemacht…ich bin alleinerziehend…der Vater meines Kindes kann keinen Unterhalt zahlen…

Frau 5: “Ich habe eine Ausbildung als Verkäuferin…zwei Studiengänge habe ich abgebrochen…bei einem Bewerbungsgespräch hat mir der Geschäftsleiter gesagt, dass ich nie Führungskraft sein könnte – weil ich eine Frau bin und zu klein…

Der Vorhang fällt.

Hört sich ziemlich deprimierend an, oder? Aber wohl “typisch” für Frauen, wenn ich an den Kommentar auf kress.de denke.

 

Zurück ins Theater. 

Wir hören, dass die Bühne um 180 Grad gedreht wird.

Der Vorhang geht hoch. Akt II.

Wieder ein Raum, wieder fünf Frauen. Das Bühnenbild erinnert an die Lobby eines alten Grand Hotels, vielleicht in London oder an der französischen Riviera. Kronleuchter, bequeme Sessel und Sofas, auf den Tischchen stehen gepflegte Drinks.

Und auch hier tauschen sich die Frauen über ihre Lebensgeschichten aus:

Frau 1: “Ich bin selbständig… mit meiner Tochter fahre ich mehrere Male im Jahr in Urlaub…wir wohnen in einem sehr begehrten Viertel unserer Stadt…

Frau 2: “In meiner Familie war ich die erste, die studiert hat…ich habe in England und Frankreich gelebt…für unsere Tochter haben wir ein Kindermädchen beschäftigt…

Frau 3: “Ich habe das beste Abitur in meinem Jahrgang gemacht…nach 2 Jahren im Beruf hatte ich mein Gehalt verdoppelt…mit 35 Jahren war ich Geschäftsführerin…

Frau 4: “Es war immer mein Traum, ein eigenes Haus zu haben….ich habe mich um unsere Finanzen gekümmert….und mein Ziel erreicht…

Frau 5: “Ich habe meine eigene Versicherungsagentur aufgebaut…mir war wichtig, dass mein Sohn studiert, er ist jetzt sehr erfolgreich…unser Haus in Spanien haben wir mit Gewinn verkauft….

Wir klinken uns aus dem Theaterstück aus.

 

Was denkst du jetzt?

Wahrscheinlich: Okay, schon klar, das Gedankenexperiment soll illustrieren, dass es in unserer Gesellschaft nicht nur benachteiligte, sondern auch wirtschaftlich erfolgreiche Frauen gibt. 

Ja, das ist eine Ebene, auf der ich Mareice Kaisers Kommentar zu eindimensional finde. Sie ist Chefredakteurin eines Magazins – und damit selber Beispiel dafür, dass Frauen in unserer “von Männern für Männer gemachten” Gesellschaft sehr wohl Führungskraft und Meinungsbildnerin sein können. Ist direkter wirtschaftlicher und politischer Einfluss überhaupt das wichtigste Ziel? Muss jeder Mensch gesellschaftliche Macht anstreben? Gibt es auch andere Prioritäten für ein gutes Leben?

Wie auch immer man darüber denkt: Ich finde positive Vorbilder als Anstoß für eine Veränderung wirksamer als die Stilisierung zum Opfer der Umstände – egal ob es um Frauen oder Männer geht. Hat ein Mann, der Kindergärtner werden will, es in “unserem System” leicht? (Offenbar eine rhetorische Frage: die Rechtschreibkorrektur schlägt mir sofort “Kindergärtnerin” vor…, korrekterweise heißt es wahrscheinlich “Erzieher im Kindergarten” 😉 ).

Was hilft mir mehr, mich zu trauen etwas auszuprobieren und mich weiter zu entwickeln: wenn ich sehe, dass jemand anders es schon geschafft hat, oder wenn ich gesagt bekomme, dass ich es nicht schaffen werde, so lange die Umstände um mich herum sich nicht verändern?

 

Aber wir sind noch nicht ganz fertig mit dem Gedankenexperiment.

Gehen wir nochmal kurz zurück ins Theater. Die Schauspielerinnen sind noch auf der Bühne. Und jetzt schaust du ganz genau hin:

Die Flügeltür in der Wand der Hotellobby ist geöffnet und du siehst hindurch in den kleinen Salon. Dir wird klar: beide Akte spielen im selben Hotel. Und plötzlich merkst du, dass die Frauen aus dem zweiten Akt denen aus dem ersten Akt erstaunlich ähnlich sehen. Mehr Make-up, schicker gestylt. Ja, tatsächlich, es sind dieselben Schauspielerinnen.

Und jetzt kommt die zweite Ebene meines Experiments in’s Spiel, es gibt noch einen Twist: Auch die Lebensgeschichten sind die gleichen. Und zwar echte. Die Erzähl-Sequenzen beschreiben Ereignisse aus meinem, und dem Leben von vier anderen Frauen – und Müttern, ist ja die Muttertags-Edition 🙂 – in meiner Familie. Ich kann unsere Geschichten so erzählen wie in Akt I oder wie in Akt II. Mich auf die Hindernisse und Niederlagen konzentrieren, oder auf die Erfolge.

Auf viele Umstände meines Lebens habe ich keinen Einfluss. Aber ich kann entscheiden, ob mir mein Glas halb voll vorkommen soll oder halb leer. 

Mir gefällt halb voll besser. 

 

Katrin / Financial Independence Rocks!

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8 Comments

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    Eva von Kinderleichtefinanzen.de
    May 8, 2020 at 11:11 am

    Liebe Katrin, toll, dass dir das Thema so wichtig ist, auch einen Beitrag darüber zu schreiben. Die Inszenierung mit dem Theater finde ich auch sehr gelungen und anschaulich!

    Natürlich wäre es ja schön gewesen, ein paar weibliche Vorbilder bei dem ursprünglichen Artikel von kress.de
    zu finden. Klar, dass konnte auch kress.de nicht beeinflussen. Sie haben ja nur die Köpfe gezeigt, nach denen in ihrer Personendatenbank besonders oft gesucht wurden. Und das waren nur Männer.

    Das ist eigentlich eine sehr betrübliche Botschaft in 2020. But: Don’t kill the messenger.

    Wo ich nicht ganz bei dir bin, ist bei der Aussage: Ist direkter wirtschaftlicher und politischer Einfluss überhaupt das wichtigste Ziel? Muss jeder Mensch gesellschaftliche Macht anstreben? Gibt es auch andere Prioritäten für ein gutes Leben?

    Natürlich gibt es die. Doch ich denke, als Frauen würden wir es uns zu leicht machen, in dem wir sagen: Wir haben andere Prioritäten! Oder wir würden es den Männern zu einfach machen. Denn die können dann auf die Diversity-Frage antworten: Frauen sind eben klüger, sie haben andere Prioritäten im Leben als Macht und Geld.

    Dieses Lob finde ich gefährlich.

    Eva von kinderleichtefinanzen.de

    • Financial Independence Rocks!
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      Financial Independence Rocks!
      May 8, 2020 at 1:48 pm

      Liebe Eva,

      vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar – und schön, dass hier auch mal wieder eine Frau kommentiert ;-).

      Interessant, dass die Fragen in meinem Text bei Dir als rhetorische Fragen angekommen sind. Das könnten sie natürlich sein, bei zwei davon muss die Antwort ja eigentlich “nein” lauten. Ich möchte aber eher einen Anstoss zum Nachdenken geben: Welche Werte habe ich persönlich, wie sieht für mich ein gutes Leben aus, in was für einer Gesellschaft will ich leben – und was kann ich selber dafür tun, dass meine Ideen Wirklichkeit werden.

      Du sprichst natürlich einen wichtigen Punkt an. Deshalb auch von mir noch mal ganz eindeutig: Nein, von mir gibt’s keine Ausrede für Männer, Frauen von Geld und Einfluss wegzuloben. Das wäre bei meiner persönlichen Geschichte auch unglaubwürdig. Aber auch keine Ausrede – für niemanden – die Verantwortung für einen Status quo nur bei den anderen zu suchen.

      So, und jetzt schau ich direkt mal auf Deiner Seite vorbei, spannend, dass Du auch bloggst

      🙂
      Katrin

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    Ana Veloso
    May 8, 2020 at 1:21 pm

    Für mich ist immer voll, sogar wenn es volle Luft ist!

    • Financial Independence Rocks!
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      Financial Independence Rocks!
      May 8, 2020 at 1:49 pm

      Hahahaha, brilliant!

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    Christian
    May 8, 2020 at 10:00 pm

    Sehr schöner Artikel, Katrin!

    Ich finde diese Fixierung auf das Geschlecht (oder die “Rasse” oder die sexuelle Orientierung), wie sie gerade in Hollywood, den Universitäten und vielen Medien inszeniert wird, auch problematisch. Lustigerweise trifft sie in weiten Teilen der Bevölkerung kaum auf Zustimmung, aber diese Institutionen sind eben die Meinungsmacher.

    Dein Beispiel mit dem Kindergärtner ist treffend, denn es gibt tatsächlich Lebensbereich in Deutschland, in denen es Männer schwerer haben. Die Schule ist so ein Bereich. Wer sich zu sehr in einer (marxistischen/feministischen) Ideologie verfängt, wird das aber nicht anerkennen wollen. Und dann hat das Ganze nichts mehr mit Fairness zu tun, sondern mit Macht.

    Wir brauchen meiner Meinung nach mehr Frauen, die so offen und unideologisch wie Du mit diesem Thema umgehen…

    • Financial Independence Rocks!
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      Financial Independence Rocks!
      May 9, 2020 at 9:44 am

      Freut mich sehr, dass Dir der Artikel gefallen hat, Christian.

      Die von Dir angesprochenen Entwicklungen aus Post Modernism und Identity Politics verfolge ich auch schon seit Jahren mit einiger Sorge. Ich fühl mich ja auch immer noch sehr mit den USA verbunden, und habe ähnliche Entwicklungen an den englischen Unis mitbekommen. Wir müssen uns unbedingt eine Debattenkultur erhalten, in der wir respektvoll unterschiedliche Positionen austauschen. Andersdenkende reflexhaft ANZUSCHREIEN oder mit Shitstorms zu überziehen, spricht leider auch eher für Frust ablassen als für gute Argumente.

      Und mein Eindruck ist, dass die Vertreter der Extrempositionen – sowohl links als rechts – in den Medien so laut sind, dass immer mehr Menschen in der Mitte das Gefühl bekommen, man müsste sich für eine von zwei polarisierenden, absoluten Wahrheiten entscheiden. Und für die dazugehörige Gruppe. Der man undifferenzierte und bedingungslose Loyalität schwören muss. Selbst wenn sich dadurch Familien und Freundeskreise spalten. Denken in ideologischen Stämmen statt denken in Themen.

      Wenn man dann überlegt, wie Menschen evolutionsbiologisch ticken, und ein paar Blicke zurück in die Geschichte wirft, kann man doch eigentlich nur zu dem Schluß kommen, dass wir gesellschaftlich gerade auf einem brandgefährlichen Weg sind. Und das ist nicht nur ein Effekt von Social Media mit “gefühlten” Facts, sondern leider auch der, wahrscheinlich wirtschaftlich getriebenen, Entwicklung bei vielen klassischen Medien, die gute journalistische Tradition aufzuweichen, zwischen Berichterstattung und persönlicher Kommentierung klar zu unterscheiden. Von click-baitigen Headlines und ähnlichem mal ganz zu schweigen.

      Aber interessanterweise gibt’s in den USA ja inzwischen schon einige Plattformen für solch rational und konstruktiv geführte Debatten, wie wir sie brauchen, wenn wir uns nicht ungewollt in der Vor-Aufklärung und bei Inquisition und Hexenverbrennungen wiederfinden wollen. Solch ein Debatten-/Gesprächsformat wäre doch auch für Deutschland eine gute Podcast-Idee 🙂 .

      Danke für Deinen Kommentar!

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    Christian
    May 9, 2020 at 12:31 pm

    Erlebe ich selten, dass mir ein Kommentar so aus der Seele spricht. Kann deiner brillanten Analyse nicht viel hinzufügen! Auch deiner Medienkritik stimme ich zu. Seit die “Haltung” und Clanzugehörigkeit alles andere in den Schatten stellt, ist es wirklich schwierig geworden, ausgewogene Berichterstattung zu finden. Ich bin froh, dass es Blogs wie diesen gibt, unabhängige YouTube-Kanäle und Podcasts. So können wir Meinungsvielfalt aufrechterhalten und uns eine Bandbreite ins Denken holen, die im “Mainstream” verloren gegangen ist… Danke!

    • Financial Independence Rocks!
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      Financial Independence Rocks!
      May 9, 2020 at 1:50 pm

      …und immer dran denken: auch das Verbleiben in der eigenen Meinungsblase bietet keinen garantierten Schutz vor unerwünschten Nebenwirkungen, RIP Monsieur de Robbespierre 😉 (ein sehr gutes Buch, wenn jemand sich für die französische Revolution interessiert, ist Citizens von Simon Shama, auf deutsch heißt es Der zaudernde Citoyen).

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