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Brauche ich wirklich noch ein Auto?

Brauche ich noch ein Auto?

Vielleicht kennst du das: du hast dein Auto schon ziemlich lange gefahren, und Reparaturen stehen irgendwie nicht mehr so richtig im Verhältnis zum Restwert. Ein neuer Gebrauchter, bei dem du nicht Gefahr läufst, dass er sofort den Geist aufgibt, ist natürlich teurer als die Reparatur, die jetzt ansteht. Aber was ist, wenn jetzt eine Reparatur nach der anderen kommt, das läppert sich schnell zusammen…dann doch lieber kein Faß ohne Boden riskieren? 

So ähnlich geht es mir gerade. Nur noch mit der zusätzlichen Komponente, dass ich eigentlich objektiv gar kein Auto brauche. Mein Mann hat einen Firmenwagen, den wir privat nutzen können. Insofern ist mein Auto eigentlich ein Zweitwagen. Das ist inzwischen bei vielen Familien Standard, teilweise auch notwendig, aber in meinem Fall Luxus.

 

Wie oft nutze ich mein Auto wirklich?

Denn es gibt nur sehr wenige Anlässe, wo ich tatsächlich ein Auto brauche. Fast alle Leute, mit denen ich mich so treffe, sind mit dem öffentlichen Nahverkehr gut zu erreichen. Tatsächlich nutze ich auch praktisch immer Bus und Bahn, wenn ich in die zentraleren Stadtviertel fahre – inzwischen steht man mit dem Auto zu so ziemlich jeder Tageszeit im Stau, und die Parkplatzsuche ist in den innerstädtischen Wohnvierteln ätzend. In der Innenstadt gibt es zwar Parkhäuser und vereinzelt auch noch kostenpflichtige Parkplätze, aber auch die sind für meine Begriffe unverschämt teuer – denn es sind dieselben Flächen, auf denen man früher kostenfrei parken konnte. 

Einkaufen während der Woche kann ich problemlos zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Wir fahren zwar am Wochenende meistens mit dem Auto zum einkaufen, aber dann steht ja auch das Auto meines Mannes zur Verfügung. In den letzten Monaten war es eher so, dass wir explizit mit meinem Auto gefahren sind, damit es regelmäßig bewegt wird. Sonst nutze ich es nämlich eigentlich nur, wenn ich mit unserer Katze oder unserem Hund zum Tierarzt fahren muss. Oder ab und an, wenn ich irgendwo hinmuss, wo es mit dem ÖPNV massiv länger dauert als mit dem Auto. Und das zeigt ja schon ziemlich deutlich, dass ich eigentlich gar kein Auto brauche.

 

Auto = Freiheit (?)

Jetzt ist mein Auto aber von den Fixkosten her nicht besonders teuer, es ist 22 Jahre alt, KfZ-Steuer und Haftpflichtversicherung kosten zusammen weniger als 40 Euro pro Monat. Dazu kommen dann noch normale Wartungskosten, TÜV, und natürlich Benzinkosten. Damit lande ich real wahrscheinlich nicht bei mehr als 100 Euro pro Monat. Das könnte es mir für die Option wert sein, jederzeit ein Auto nutzen zu können.

Aber da bin ich mir nicht mehr so sicher. Was interessant ist, denn genau das wäre für mich früher immer ein schlagendes Argument gewesen: ein eigenes Auto zu haben, war für mich der Inbegriff persönlicher Freiheit. Dafür gibt es auch eine logische Erklärung, denn ich bin in einem kleinen Ort in Schleswig-Holstein aufgewachsen. Die weiterführende Schule war 12 Kilometer entfernt, und meine Freunde über das Einzugsgebiet der Schule verstreut. Insofern war völlig klar, dass ich mit 18 Jahren sofort meinen Führerschein machen wollte. Und meine Eltern waren so nett, mir auch kleines gebrauchtes Auto zur eigenen Nutzung zu überlassen. Damit alleine bestimmen zu können, wann ich mich wohin bewege war ein grandioses Gefühl. 

 

Ein Fass ohne Boden?

Und ich fand Autos immer spannend, ich kann mich auch für schöne Modelle begeistern. Nachdem ich jahrelang die Strecke Hamburg-Köln mit dem Auto gependelt bin, hat sich meine Begeisterung für das tatsächliche Fahren deutlich abgeschwächt. Das Dahingleiten in einem Auto fühlt sich für mich immer noch gut an. Nur meistens gleitet man eben nicht dahin, sondern muss sich auf den Verkehr konzentrieren, steht im Stau oder fädelt sich durch eine Baustelle. Während ich in Köln gearbeitet habe, hat sich die Stau-Problematik in Hamburg merklich verschlimmert, und inzwischen scheint das in den meisten großen Städten ähnlich zu sein. Und was mir in Hamburg im Vergleich zu Köln sehr unangenehm aufgefallen ist, ist eine deutlich weniger entspannte Haltung des Autofahrers an sich (davon nehme ich mich nicht aus). Also auch sehr uncool.

Zurück zu der Problematik mit den Reparaturen, denn das ist für mich aktuell ein Knackpunkt. Mein zugegebenermaßen inzwischen auch sehr altes Auto fährt eigentlich noch super, allerdings musste bei gut 130.000 km Laufleistung vor drei Jahren das Getriebe ausgetauscht werden, was ungefähr 2.500 Euro gekostet hat. Und es haben sich inzwischen ein paar Macken in der Elektronik entwickelt. Zum Beispiel funktioniert die Entriegelung des Kofferraums nicht mehr elektronisch. Das ist kein Riesenproblem, aber auch die Scheibenmotorik ist immer wieder gestört. Das heißt, es kann sein, dass sich die Scheiben zwar herunter- aber nicht wieder hochfahren lassen. Um das Problem zu lösen, war das Auto vor einiger Zeit in der Werkstatt, die Rechnung hierfür lag um die 600 Euro. Wie wir letztes Wochenende feststellen konnten, war das wohl keine endgültige Lösung. Und so wartet mein Auto aktuell wieder auf einen Werkstatttermin (ich fahre einen alten SAAB, und es gibt nur wenige Werkstätten, die überhaupt noch SAAB reparieren).

 

Rechnet sich das noch?

Wenn du die Werkstattrechnungen zusammen zählst, siehst du natürlich sofort, wo das Problem liegt. Auf den Monat umgerechnet entstehen deutlich höhere Kosten, als die Kosten im “Normal-Betrieb”. Ich finde, das ist ein ganz schön hoher Preis für die Option, jederzeit ein Auto vor der Tür stehen zu haben. Es ist eher unwahrscheinlich, dass ich soviel für Alltagsmobilität ausgeben müsste, selbst wenn ich mir ab und zu ein Taxi gönnen würde. (Während der beiden letzten Reparaturen war mein Auto aufgrund von Diagnose- und Ersatzteilproblemen einmal fast drei Monate, und das zweite Mal auch noch mehrere Wochen in der Werkstatt, und auch jetzt kann ich es nicht nutzen. Das relativiert die Option der ständigen Verfügbarkeit natürlich auch).

Was dazu kommt: häufig habe ich im Gegensatz zu meinem 18-Jahre-alten-Ich inzwischen das Gefühl, dass mein Freiheitsgrad steigt, wenn ich Dinge nicht besitze. Ich muss mir keine Gedanken über Reparaturen oder Ersatz machen. Ich brauche kein schlechtes Gefühl haben, wenn ich etwas nicht benutze. Viele Millenials finden es ja auch völlig normal, Autos nur noch zu sharen. Aber trotzdem fällt mir der Gedanke schwer, mich von meinem Auto zu trennen, bevor es tatsächlich seinen Geist aufgibt. Vielleicht wird mir ja von der Werkstatt die Entscheidung abgenommen – einen Auto als Zweitwagen werde ich mir dann nicht mehr anschaffen.

Financial Independence Rocks!

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4 Comments

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    Reply
    Noemi
    November 11, 2019 at 2:05 pm

    Hallo Katrin,
    hast du mal Carsharing ausprobiert? Oft gibt es Schnupper-Angebote. Ich bin da vor etwas mehr als einem Jahr Mitglied geworden und habe es seither ein einziges Mal nur genutzt um etwas sperriges zu transportieren. Einmal habe ich für einen Urlaub auf dem Land vor Ort ein Auto gemietet. Und ansonsten bin ich gut mit Rad, Bahn und Co. unterwegs. Im Nahverkehr ist das auch recht zuverlässig – wenn eine Straßenbahn hier mal ausfällt dann meist weil es einen Unfall mit einem unvorsichtigen Autofahrer gab…
    Manche SAABs sind begehrte Youngtimer – vielleicht kannst du ihn ja in gute Hände weiterverkaufen. Noch ein paar Fotos vorher machen, das hilft auch beim Loslassen.
    Viele Grüße
    Noemi

    • Financial Independence Rocks!
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      Financial Independence Rocks!
      November 13, 2019 at 3:33 pm

      Hallo Noemi,
      Carsharing finde ich super, das funktioniert bei uns in der Innenstadt auch sehr gut. Leider reicht das Geschäftsgebiet aber nicht bis in unser Viertel – ist wahrscheinlich so ein Henne-Ei-Problem: Die Wohngebiete mit viel Einzelhausbebauung sind weniger dicht besiedelt, und die meisten Haushalte haben mindestens eins, oft auch zwei Autos. Dann lohnt es sich für die Anbieter nicht, und ohne genügend Angebot steigt keiner um. Anscheinend verpflichtet die Stadt die Anbieter im Gegenzug zu den Genehmigungen nicht, das gesamte Stadtgebiet abzudecken, vielleicht ein Punkt, auf den ich mal aufmerksam machen könnte. Danke für den Tipp mit den Fotos, das ist eine gute Idee :-)!

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    Pauli
    November 12, 2019 at 11:52 am

    Hallo Katrin! Ich habe seit ca. 20 Jahren kein Auto, wohne allerdings auch so urban, dass im Normalfall keines nötig ist. Natürlich gibt es viele Situationen, in denen es deutlich bequemer ist, per Auto unterwegs zu sein. Aber man kann sich auch gut daran gewöhnen, in der Stadt zu Fuß zu gehen bzw. für weitere Strecken die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen. Ich denke, wenn alle Großstadtbewohner sich die Frage, ob sie ein Auto tatsächlich BRAUCHEN ehrlich beantworteten, könnte man die Zahl der Autos sehr deutlich reduzieren. Auch über Klimafragen hinaus hätte diese Einsicht viele erfreuliche Konsequenzen, weniger Staus, weniger zugeparkte Straßen – gerade in “hippen” Gegenden, in denen viele junge Familien Busse haben, gibt es z. B. das Problem, dass Erdgeschosswohnungen regelrecht “verdunkelt” werden, weil davor Busse parken – mehr Bewegung für die Leute, die vom Auto auf andere Fortbewegungsmöglichkeiten umsteigen etc. In diesem Sinne scheint mir der Abschied vom – anscheinend ohnehin kaum genutzten – Zweitwagen eine gute idee :))
    Auf dem Land und in Gegenden mit schlecht ausgebauten öffentlichen Verkehrsmitteln sieht das alles natürlich anders aus, da kann ich sehr gut verstehen, dass Familien mehrere Autos benutzen.

    • Financial Independence Rocks!
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      Financial Independence Rocks!
      November 13, 2019 at 3:38 pm

      Hallo Pauli,
      cool, dass du schon so lange so zurecht kommst! Ich glaub, ich würde mich auch noch leichter tun, wenn die Anbindung/Taktung im ÖPNV besser wäre – obwohl ich die meisten Wege sowieso zu Fuß und mit dem Fahrrad zurück legen kann, also eigentlich kein schlagendes Argument. Das mit den Bussen ist ja interessant, das ist mir noch gar nicht so aufgefallen, muss ich mal drauf achten…Und du hast recht, auf dem Land ist es natürlich etwas anderes, selbst wenn man in der Nähe einer Großstadt wohnt.

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